VEREIN DER FREUNDE DES HENDRIK-KRAEMER-HAUSES e.V.

 

 

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Hendrik Kraemer

Inhalt

1. Hendrik Kraemer 1888 - 1965

Von Montserrat Ortiz-Moran

2. Das Erbe Hendrik Kraemers

Von Bas Wielenga

Vorwort

Von Sabine Albrecht

Diese Seite möchte einen kleinen Einblick geben in die Person Hendrik Kraemers. Weil wir die Erfahrung gemacht haben, dass das Erbe Kraemers selbst in unseren Kreisen kaum bekannt ist, wollen wir auf ihn aufmerksam machen.

Wir danken Bas Wielenga für die intensive Arbeit am ökumenischen Erbe Kraemers anhand der Quellen, die die Bibliothek und das Archiv des Hendrik-Kraemer-Hauses zur Verfügung stellte. Im zweiten Teil finden Sie seinen Vortrag, den er am Abend des 26. Oktobers 2002 im Hendrik Kraemer Haus in Anwesenheit vieler Geburtstagsgäste von Bé Ruys, der Tochter Hendrik Kraemers und vieler Freundinnen und Freunden hielt.

Wir danken Monsterrat Ortiz - Moran, einer ehemaliger Europäischen Freiwilligen, die den ersten Teil dieses Beitrages zusammengestellt hat.

Wir danken Stephania Weigmann für die Übersetzung mehrerer Texte vom Englischen ins Deutsche.

Wer mehr über Hendrik Kraemer wissen möchte, ist herzlich eingeladen, in unserer Bibliothek in Büchern von Kraemer oder über Kraemer weiter zu stöbern."

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1. Hendrik Kraemer 1888 - 1965

Von Montserrat Ortiz-Moran

Lebenslauf von Hendrik Kraemer

  • 17. Mai 1888 Geboren in Amsterdam.

  • 1900 - 1905 Nach dem Tod seiner Eltern kam er in das Waisenhaus der Reformierten Kirche in Amsterdam.

  • 1906 - 1921 Studium an der Schule für Missionare in Rotterdam. Danach studierte er Indonesisch an der Universität Leiden.

  • 1921 - 1936 In Indonesien übersetzte er die Bibel und setzte sich für die Autonomie der jungen indonesischen Kirchen ein.

  • 1937 - 1948 Professor für Religionsgeschichte und vergleichende Religionswissenschaft an der Universität Leiden.

  • 1938 Konferenz von Tambaram. Die christliche Botschaft in einer nicht-christlichen Welt.

  • 1940 Hitlers Armee besetzt die Niederlande.

  • 1942 – 1943 Kraemer wurde im Geiselhaftlager St.Michielsgestel interniert.

  • 1945 Hendrik Kraemer war Mitglied der Delegation von Kirchen aus den USA, Groß-Britannien, Frankreich, den Niederlanden und der Schweiz, die sich in Stuttgart mit dem neuen Rat der Evangelischen Kirchen Deutschlands trafen.

  • 1948 – 1955 Er war der erste Direktor des Ökumenischen Instituts Bossey.

  • ab 1951 "Bossey in Berlin".

  • 1957 Er war Vorsitzender des Instituts Kerk en Wereld (Kirche und Welt) in Driebergen.

  • 6. Januar 1959 Das Hendrik-Kraemer-Haus in Berlin wurde eingeweiht.

  • 11. November 1965 Hendrik Kraemer starb in Driebergen und wurde dort beigesetzt.

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Was ist Hendrik Kraemers Beitrag?

"Da ist der Philologe; da ist der Islamexperte; da ist der Führer des geistlichen Widerstands gegen den Nationalsozialismus; da ist der Kämpfer für die Erneuerung der Niederländischen Reformierten Kirche; da ist der Theologieprofessor, der eigentlich Laie ist, und der Laie, der theologische Fragen über unsere moderne Kultur stellt; da ist der originelle und durchdringende Bibelerklärer; da ist der erste Direktor des Ökumenischen Instituts, der diesem neuen Abenteuer Form gab; und da ist natürlich der Missionar oder eher der missionarische Denker, Stratege und Staatsmann."

W. A. Visser't Hooft

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Wie war Hendrik Kraemers Kindheit?

Er wurde am 17. Mai 1888 in Amsterdam in einer Arbeiterfamilie geboren. Sein Vater, ein aus Deutschland (Süderwick) stammender Schneider, starb, als Hendrik Kraemer neun Jahre alt war, seine Mutter, als er zwölf war. Noch zur Lebzeit seiner Mutter fand er ein zweites Zuhause in einer sozialistisch-anarchistisch orientierten Familie, in der seine Mutter gedient hatte. Nach dem Verlust seiner Eltern musste Kraemer in einem Waisenhaus der Reformierten Kirche in Amsterdam leben, das von streng orthodoxen Calvinisten geführt wurde. Hendrik Kraemer war enttäuscht von dieser Art von Christentum, und in seiner Rebellion gegen die orthodoxe Gebetsroutine begann er mit 15 Jahren die Bibel als Quelle des Trostes und der Inspiration zu lesen. In einer Meditation zitiert er Psalm 27 "Vater und Mutter verlassen mich aber der Herr nimmt mich auf". Ein Jahr später beschloss er, Missionar zu werden.

"Ich wollte entweder Christ oder Sozialist werden. Ich ahnte, dass beides wichtig war, aber wusste weder vom Sozialismus etwas noch vom Christentum. 'Ich bin beides geworden... Ich bin Sozialist weil ich Christ bin und bin Christ durch Gottes Gnade.' Ich wurde Christ trotz aller Ungunst der Umgebung im Waisenhaus. Der Weg war einfach: durch die tödlich langweilige viele Gebete stieß ich auf die Bibel und fing an sie zu lesen, leidenschaftlich, besonders das Buch der Apostelgeschichte."

Hendrik Kraemer im Rückblick

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Von den Niederlanden nach Indonesien (1921 - 1936)

Kraemer heiratete 1919 Hyke van Gameren. Sie bekamen zwei Töchter und zwei Söhne. Ein Sohn starb im Alter von sieben Jahren. Er studierte an der Schule für Missionare und las orientalische Literatur an der niederländischen Universität Leiden. Die Niederländische Bibelgesellschaft schickte Kraemer als Leiter der nach Java (Indonesien). In Indonesien verbrachte er vierzehn Jahre mit der Übersetzung der Bibel und der Förderung christlicher Literatur in indigenen Sprachen. In dieser Zeit entwickelte er ein Verständnis für die entstehende nationalistische Bewegung und er begann, durch seine Analyse der kulturellen und ökonomischen Situation die niederländische Kolonialpolitik zu kritisieren. Kraemer kritisierte nicht nur den niederländischen kolonialen Paternalismus, sondern förderte auch die Autonomie der jungen indonesischen Kirchen, indem er ihre theologische Ausbildung förderte. Kraemer erwarb den Doktor - Titel mit einer Dissertation über einen mystischen Text aus Java im 16. Jahrhundert.

"Gegenüber dem westlichen Imperialismus hat die Mission eine prophetische Berufung, die sie bisher allzu oft vernachlässigt hat."

Hendrik Kraemer

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Warum kehrte Kraemer aus Indonesien zurück?

1937 kehrte Kraemer in die Niederlande zurück, weil er meinte, dass es an der Zeit wäre, in Holland für die Mission zu arbeiten. Die Universität Leiden lud ihn ein, Religionsgeschichte und vergleichende Religionswissenschaft zu lehren. In den Jahren 1937 - 1948 arbeitete er für die Erneuerung der niederländischen Kirche, für die Erkenntnis, dass dies nur durch die Erneuerung ihres Apostolats geschehen kann. Er war überzeugt, dass die Erneuerung der Kirche von den Ortsgemeinden ausgehen muss. Deshalb reiste Kraemer von einer Gemeinde zur anderen, um sie für eine neue Vision von Kirche und deren Mission zu gewinnen, den kirchlichen Widerstand gegen den Nazismus zu stärken und die Grundlagen für den Neuanfang nach dem Kriege bereitzustellen. Durch diese Bewegung, Gemeindeaufbau (Gemeenteopbouw) genannt, trug er zur kirchlichen Erneuerung bei.

"Nichts vermag einen Gemeindekirchenrat oder eine einzelne Gemeinde daran zu hindern, sich selbst die Frage vorzulegen:

Wie kann ich und wie muss ich in meiner eigenen Umgebung als eine an Christus gebundene Lebensgemeinschaft so sprechen und handeln, dass sich die Gemeinde wirklich nach innen und außen als ein echt geistliches Haus versteht, das nach allen Seiten offen steht und nicht bloß eine abgelegene Zufluchtstätte darstellt?"

Van Leeuwen, 177f.

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Die christliche Botschaft in einer nichtchristlichen Welt und der "biblische Realismus" - wo liegt die Kontroverse?

1938 bat ihn der Internationale Missionsrat, in Vorbereitung auf die Missionskonferenz von Tambaram (Indien), eine Studie anzufertigen. Das Ergebnis war sein bekanntestes und kontroverses Buch "Die christliche Botschaft in einer nichtchristlichen Welt". Dieses Buch wurde in deutscher, englischer, französischer und schwedischer Sprache publiziert und hatte großen Einfluss auf die folgenden Jahrzehnte missiologischen Denkens. In seinem Buch argumentiert er, dass "der radikale religiöse Realismus der biblischen Offenbarung, in der sich alles religiöse und moralische Leben nur um einen Punkt dreht, nämlich um den schöpferischen und erlösenden Willen des lebendigen, heiligen, gerechten Gottes der Liebe, den ausschließlichen Grund der Natur und der Geschichte, des Menschen und der Welt, muss die Norm des Zeugnisses sein". Aber während dieser "biblische Realismus" als bedeutender Beitrag zur ökumenischen Vision "die ganze Kirche mit dem ganzen Evangelium für die ganze Welt" gesehen wurde, haben viele Missiologen Kraemer angegriffen wegen Überbetonung der Ausschließlichkeit der christlichen Botschaft und "ihrer radikalen Diskontinuität" mit anderen Bekenntnissen, so dass Gottes aktive Gegenwart darin nicht genügend Gerechtigkeit widerfahre.

"Der Realismus der Bibel ... nimmt auf Grund einer robusten und gesunden Intuition einfach die Tatsache ernst, dass Gott Gott ist und dass, wenn Er Gott ist, sein Wille die Grundlage ist von allem, das existiert."

Christian Message, Seite 68

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Geistlicher Widerstand gegen den Nazismus und danach

1940 besetzte Hitlers Armee die Niederlande. 1942 wurde Kraemer zusammen mit anderen Intellektuellen und Politikern im Geiselhaftlager St. Michielgestel interniert, weil sie gegen ein Gesetz protestiert hatten, das Nicht - Arier vom öffentlichen Dienst ausschloss und das zur Entlassung jüdischer Kollegen geführt hatte. Im Geiselhaftlager diskutierte Kraemer unter den Augen der Bewacher mit Politikern, Lehrern, Kirchen- und Gewerkschaftsführern mögliche politische und kirchliche Nachkriegsstrukturen. Er wurde länger als ein Jahr festgehalten. Nach dem Krieg mischte Kraemer sich mit Aufrufen an die Kirche und an das niederländische Volk ein. Langfristig angelegt war sein Einsatz für die Errichtung eines Zentrums für Laienausbildung "Kirche und Welt", das auch zur Neuorientierung der theologischen Ausbildung beitragen sollte.

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Ökumenisches Institut in Bossey. Zwischen der Schweiz, den Niederlanden und Berlin...

Hendrik Kraemer ist eine der Schlüsselfiguren bei der Entstehung der modernen ökumenischen Bewegung. Von 1947 bis 1957 war Kraemer der erste Direktor des Ökumenischen Instituts in Chateau de Bossey bei Genf. Der Hauptzweck des ökumenischen Instituts war, "die Heiligen für ihre Diakonie in der Welt auszurüsten". Die Laienschaft wurde als die Avantgarde der Diakonie und als Zeugen der Kirche gesehen. In diesen Jahren war Berlin ein Brennpunkt der "nichtchristlichen Welt". Also reisten Kraemer und einige Leitungsmitglieder aus Bossey jedes Jahr nach Berlin und hielten Seminare, die mit DDR - Bürgern, vor allem Laiengruppen, Bossey - Kurse anboten.

"Wir müssen zu einem Verhältnis von Kirche und Welt zurückkehren, in dem die Laien durch die Tatsache ihres Lebens in der Welt eine entscheidendere Rolle spielen als der Klerus es kann"

Eine Theologie des Laientums

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Wie und wann wurde das "Hendrik - Kraemer - Haus" geboren?

Am 6. Januar 1959 kam Hendrik Kraemer nach Berlin, um dem ökumenischen Zentrum der Niederländischen Ökumenischen Gemeinde seinen Namen zu geben. Bé Ruys erzählt, dass Hendrik Kraemer "einmal im Jahr nach Berlin kam (weil es in dieser Zeit für Menschen aus den sozialistischen Ländern nicht so leicht war, Bossey zu besuchen) (...) Ich fragte ihn Ende der 50iger Jahre, ob wir unsere kleine Arbeit und unser kleines Haus in Berlin nach ihm nennen dürften. Die Antwort war: Warum nicht? Aber Du meinst natürlich die Frage des Dialogs. Ich kenne Deine Dialogpartner nicht so gut, Marxismus, besonders wie er in den sozialistischen Ländern gedacht und praktiziert wird, aber ich bin sicher, das ist eine Frage des Dialogs und Du musst das weitermachen. Und so gab er unserem Haus am 6. Januar 1959 seinen Namen".

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"Expectat resurrectionem"

Hendrik Kraemer starb 1965 im Alter von 77 Jahren und wurde auf dem Friedhof in Driebergen beigesetzt. Auf seinem Grabstein steht die Inschrift "Expectat resurrectionem" (Erwartet die Auferweckung).

"Die einzige wahre Kirche ist nicht die Hotel - Kirche, wo die Gäste einander eher aus dem Weg gehen als begegnen, sondern die Familien - Kirche, das Leben in Gemeinschaft unter einem Dach, eine Kirche, die Spannungen und Streit ertragen kann."

Hendrik Kraemer

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2. Das Erbe Hendrik Kraemers

Von Bas Wielenga

Einführung

Bas Wielenga, siehe auch: http://www.jungekirche.de/404/bas.htmlDie Einladung, beim Umzug des Hendrik-Kraemer-Hauses etwas zu Kraemer’s Erbe zu sagen, war mir ein willkommener Anlass, mich in seine Biographie zu vertiefen, sei es angesichts der zur Verfügung stehenden Zeit auch nur ansatzweise. Im Nachhinein bedauere ich es, nicht schon viel früher seine Schriften gründlicher studiert zu haben, zumal sie in der Bibliothek des Hauses so leicht zugänglich sind. Wie auch immer, der folgende Text, der am letzten Freitagabend im alten Hendrik-Kraemer-Haus in Anwesenheit von Kraemers Tochter vorgetragen wurde, ist ein bescheidener Versuch, anhand einiger ausgewählten Fragestellungen Interesse für ein nachhaltiges Studiums seines Erbes zu wecken.

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Amsterdam – Madras - Berlin

Die Kraemer - Familie ist aus Deutschland nach Holland eingewandert. Der Vater war noch 1870 im Krieg deutscher Soldat gewesen bevor er sich als Schneider in Amsterdam niederließ. Er starb als Hendrik sechs Jahre alt war. Sechs Jahre später starb auch dessen Mutter. Zunächst fand er gute Unterkunft in einer anarchistischen Familie, in der seine Mutter als Hausdienerin gearbeitet hatte, bevor er in ein streng calvinistisch geführtes Waisenhaus kam.

Bei seinem 70. Geburtstag erinnert sich Kraemer an den Idealismus jener anarchistischen Kreise und an den Moment, wo er sich selbst sagte: "Ich will entweder Christ oder Sozialist werden. Ich wusste von beiden nichts, ahnte aber, dass beide wichtig waren. Ich bin beides geworden. 'Ich bin Sozialist weil ich Christ bin und ich bin Christ durch Gottes Gnade.‘" Bald darauf wusste er, dass er Missionar werden wollte. Zweifellos war er ein Mensch, der nicht ohne die großen Erzählungen leben konnte.

Hendrik KraemerKraemer hat sich mit Leidenschaft als Botschafter verstanden, so wie wir es heute, aber wohl auch damals schon, selten antreffen. "Die christliche Botschaft in einer nicht - christlichen Welt" hieß sein berühmtes, in Indien und weit darüber hinaus zugleich umstrittenes Buch, das für die Weltmissionskonferenz in Tambaram bei Madras, 1938, geschrieben wurde. Und als Botschafter erlebten wir ihn, als er zwanzig Jahre später diesem Haus hier seinen Namen verlieh. Bei der Gelegenheit hielt er einen elementaren Vortrag für die Niederländer in Berlin über die Relevanz der christlichen Botschaft in unserer Welt unter dem eigenartigen Titel "Die Chancen der Kirche". Leider haben wir den Text nicht, aber ich erinnere mich meine Verlegenheit , als er zu Anfang mich -  bis dahin sein Fahrer - in einer Ecke hier auf dem Boden erblickte und aufforderte, Frage und Antwort von Sonntag aus dem Heidelberger Katechismus zu rezitieren. Damals kannten reformiert sozialisierte Leute wie ich das auswendig, es entsprach aber nicht meiner Vorstellung davon, wie man einer ziemlich kirchenfernen Audienz, die zum Teil wohl eher für den Empfang hinterher gekommen war, ansprechen sollte. Es gab aber kein Entrinnen und ich zitierte die Frage: "Was ist dein einziger Trost in Leben und Sterben?" und die Antwort: "dass ich meines Herrn Jesus Christus Eigentum bin". Darauf kam Kraemers Kommentar etwa so: Die Antwort stimmt, aber die Frage ist viel zu beschränkt. Trost ist wichtig, aber es geht in der christlichen Botschaft nicht nur um Trost. Die Frage hätte lauten müssen: was ist deine Kraft, deine Freude, und dann auch dein Trost, das würde der Tiefe der Antwort entsprechen." Ich erinnere mich weiter, wie verblüfft ich war zu sehen, wie es Kraemer als Botschafter mit diesem Einstieg gelang seine Audienz zum gespannten Zuhören zu bewegen. Unmittelbar zur Sache. Er sprach, das war zu spüren, obwohl er eher spröde redete, von dem, der die Kraft seines Lebens war.

Was hat Hendrik Kraemer dazu bewogen, seinen Namen für dieses kleine ökumenischen Zentrum in Berlin zu geben? Selbstverständlich wollte er die Einladung von Bé Ruys nicht ablehnen. Wer will das schon. Bé hat mit ihren vielfältigen Einladungen so viele verschiedenartigen Menschen unter diesem Dach zusammen gebracht, wie die von ihr herausgegebenen Bücher "Stimmen aus der Kirche in der DDR" und "Stimmen aus der Kirche in der CSSR" belegen. Aber was mag Kraemer mit Berlin im Sinn gehabt haben, ein Missionar den wir eher mit Indonesien, mit Bali, mit Tambaram in Indien, oder mit dem Islam in Kairo assoziieren?

Für ihn, so vermute ich, war Berlin wichtig als ein Treffpunkt für die Begegnung mit einer radikal säkularen, nicht - christlichen Welt. Nicht nur andere kulturelle und religiöse Welten haben ihn als Missionar interessiert, sondern ebenso die säkulare westliche Welt und ihre Zuspitzung in den sozialistischen Staaten. Er hatte ja seinen Auftrag über die Annäherung an die "nicht - christliche Religionen" zu schreiben umformuliert, indem er "Die christliche Botschaft in einer nicht - christlichen Welt" zum Thema machte, und damit die westliche Welt als Missionsfeld in seine missionsstrategische Überlegungen einbezog.

Er kannte Berlin durch die jährliche Besuche eines Bossey - Teams, das Kurse anbot, besonders für Laien aus der DDR. Hier gab es Leute, die sich der Frage der Säkularisation stellten als theologische Frage danach, was Gott mit dieser säkularen, nicht - christlichen Welt im Sinn haben mag. Da ließe sich von der Arche erzählen, von den Villigst - Treffen der ESG und NCSV, von Gossner Mission und Evangelischer Akademie, von Weissenseer Arbeitskreis und Unterwegs, und in Verbindung damit vom Kraemer Haus, das Besucher aus dem Westen ökumenische Kontakte in der DDR vermittelte, bzw. den Freund / innen dort Besucher wie A. Th. van Leeuwen und van Peursen ins Haus brachte oder Bücher von Gollwitzer und anderen besorgte.

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Christliche Präsenz in einer nicht - christlichen Welt

Kraemers Interesse an der säkularisierten Welt als Missionsfeld spiegelt sich in seiner Biographie wieder, wenn er am Ende der 30er Jahre aus Indonesien nach Holland zurückkehrt und sich für die Erneuerung der Kirchengemeinden einsetzt, während er offiziell sich als Professor für Religionsgeschichte in Leiden betätigte. Leitmotiv seines Einsatzes für das was "Gemeindeaufbau" genannt wurde, war seine "Theologie des Laientums", wie der Titel einer späteren Veröffentlichung es benannte. Kerngedanke dieser Theologie ist die Einsicht, dass die Laien das Volk Gottes in der Welt sind. Durch sie ist die Kirche in den verschiedenen Bereichen der Gesellschaft, im Beruf, in der Kultur, in der Politik präsent. Um diese Präsenz dienend und prophetisch sinnvoll zu leben muss die Gemeinde ausgerüstet werden. Dazu wurde in Holland das Institut "Kirche und Welt" aufgebaut. Demselben Zweck diente das Ökumenische Institut der ökumenischen Bewegung in Bossey bei Genf, dessen erste Leiter Kraemer wurde. Und dazu passte dann auch, wie mir scheint, das kleine ökumenische Zentrum in Berlin, als Treffpunkt, als Begegnungsort, als Vermittlungsstelle, das allmählich neben der Niederländischen Ökumenischen Gemeinde einen eigenen Charakter mit eigenen Schwerpunkten entwickelte.

Kraemer hat sich auf vielen Gebieten engagiert, wie er selbst an seinem 70. Geburtstag aufzählte: Menschen verstehen, Mission neu verstehen, Kirche - Erneuerung, Studium von Kulturen (inklusive Religionen). Ich füge hinzu: Politik wie seine Beiträge im Kolonialismus - Streit, im Widerstand gegen den Nationalsozialismus und für die Erneuerung der Sozialdemokratie belegen. Ich möchte dies im folgenden am Beispiel seiner Kritik von Kolonialismus und Nationalismus mit Blick auf Indien illustrieren.

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Kolonialismus, Nationalismus und Religion

Hendrik KraemerKraemer hat den Kampf gegen Kolonialismus begrüßt und unterstützt. Das war damals, in den 30er Jahren, keineswegs selbstverständlich. Wenige Missionare im damaligen Indien waren auf Seite des von Gandhi gewaltlos geführten Kampfes zu finden und sie wurden eventuell aus dem Missionsdienst entlassen bzw. quittierten diesen Dienst. Kraemer hat Gandhi hoch geschätzt und hat beklagt, dass Kirche und Mission meistens "das tiefe Schreien und Grollen" nach nationaler Befreiung vom kolonialen Joch überhört hatten. Es gab Ausnahmen wie C. F. Andrews, ein enger Freund von Gandhi, "aber wirkliches Verständnis, das revolutionäre Folgerungen aus revolutionären Tatsachen gezogen hätte, war selten" (Mission und Nationalismus, 1948). Er unterscheidet scharf zwischen dem unterdrückenden Nationalismus der Kolonialmächte und dem emanzipatorischen Nationalismus der unterdrückten Völker. Und er hebt hervor, dass koloniale Fremdherrschaft in viel tieferem Sinne als fremd und entfremdend erfahren wird als nationale Unterdrückung innerhalb desselben Kulturkreises wie im Falle inner-europäischer Konflikte.

Er zieht eine Parallele zur Arbeiterbewegung: "In beiden Fällen handelt es sich um unterdrückte, in ihrem eigenen menschlichen Wert verletzte Majoritäten, die einen welthistorischen Schrei erheben." (S. 9) C. F. Andrews hatte das erkannt, als er nicht nur den Unabhängigkeitskampf Indiens unterstützte aber auch sich gewerkschaftlich für die nach Fiji, Lateinamerika und Süd- und Ostafrika versetzten indischen Koolies engagierte. Der anti - koloniale Nationalismus war für Kraemer, ähnlich wie bei Hromadka, eine welthistorisch zu bejahende Infragestellung europäischer Hegemonie und er erwartete von christlichen Missionaren, dass sie als Dolmetscher dieses Strebens nach Freiheit und Gerechtigkeit wirken sollten. In seiner Vision von Mission sollte dies nach der Unabhängigkeit fortgesetzt werden durch dienende Beteiligung an der Suche nach neuen Lebensformen, oder, wie M. M. Thomas u. a. es später in den 50er Jahren nannten "christian participation in nation - building". Allerdings sieht Kraemer auch Probleme da nach der Unabhängigkeit sich neu die Frage stellt, was die Nation zusammenhält, und damit die Versuchung auftritt, den Nationalismus - mit oder halbwegs ohne traditionelle Religion - als Pseudoreligion zu benutzen. Kraemer spricht von einem neuen "absoluten Nationalismus", der mit Hilfe ideologisierter Religion - sei es Islam oder Hinduismus oder sogar Buddhismus - eine Tendenz zum "Totalitarismus" hat. "Es gibt - so schreibt er 1948 -, mehr Totalitarismen als den Nationalsozialismus, den Kommunismus und den politischen Katholizismus. Totalitarismus ist in der ganzen Welt die große politische Krankheit der heutigen Menschheit". (Mission und Nationalismus, S. 13)

Nach der Einschätzung Kraemers haben die jungen Kirchen die schwere doppelte Aufgabe beim nationalen Aufbau mit allen Kräften mitzuhelfen und Gottes Wille im Blick auf die Gesellschaft zu bezeugen, andererseits Vergötzung der Nation nicht mitzumachen. Ich vermute, dass Kraemer in seinen Bossey - Kursen in Ostberlin eine ähnliche Linie verfolgt haben mag: Mitarbeit beim Aufbau der DDR, und kritische Distanz zur absoluten, pseudo - religiösen Ideologie des damaligen Marxismus - Leninismus.

Hendrik KraemerIn seinem Tambaram - Buch von 1938, weniger als zehn Jahre vor Erlangung der Unabhängigkeit hat Kraemer die widersprüchliche Tendenzen im indischen Nationalismus analysiert. Er sieht in der von Jawaharlal Nehru vertretenen Linie eine emanzipatorische, säkulare Ausrichtung, die neue, die alte Weltordnung umstürzende Ideale und Ziele verfolgt und als solche revolutionär ist. Andererseits erscheint ihm die von Mahatma Gandhi verfolgte Linie als konservativ, insofern sie speziell indische Werte und Ideale betont und mit dem Nationalismus zu vereinigen sucht. Er stellt die Frage, welche politische Strömung die modernen Tendenzen und die sozialen Reformen für sich hegemonial zu nutzen wissen wird: die gandhianische Reformer, die Modernisierer oder die Kommunisten. (Es wurden zunächst die Nehruvianer, während heute die Hindu - Nationalisten versuchen ihr faschistoides Projekt mit ökonomischer Globalisierung und Abbau von sozialen Reformen zu verbinden). Kraemer hob die Bedeutung der sozialen Reformen hervor, und spricht in dem Zusammenhang u. a. von den "hoffnungsvollen Frauenbewegungen mit ihren außerordentlichen Möglichkeiten zum Guten". Während er die moderne Emanzipation willkommen heißt, äußert er sich kritisch über die "kommunistischen Agenten, die im ganzen Land ihren Hass gegen alle Religion und alle anerkannte Sittlichkeit und sonstige Autorität säen". (212)

Besonders weitsichtig und relevant in der jetzigen Zeit, in der die Dalit - Bewegung eine wichtige soziale und politische Rolle spielt, ist Kraemers Hervorhebung der "Kastenlosen - Bewegung" unter der Leitung von Dr. Ambedkar. Dalit - Vertreter haben mit Recht beklagt, dass die außerordentliche Bedeutung von Dr. Ambedkar in der nationalen Geschichtsschreibung nicht gebührend gewürdigt worden ist. Kraemer hat es gesehen. Er schreibt:

"Eine Bewegung, die von außerordentlichen Möglichkeiten zum Guten trächtig ist, und die zeigt, wie wirksam der Sauerteig der politischen, wirtschaftlichen, sozialen und geistigen Krise wirkt, ist die Kastenlosen - Bewegung, besonders, seitdem sie unter der Führung von Dr. Ambedkar zum vollen Allindischen Selbstbewusstsein gekommen ist. Die Kastenlosen - Bewegung ist, auf das Ganze gesehen, eine Bewegung für soziale Gleichheit in einem Lande, das in einem religiös geheiligten System der Ungleichheit lebt." (212)

Kraemer interessiert sich offenbar für die durch Ambedkar befürwortete Suche nach einer religiösen Alternative zum Hinduismus mit seinem religiös sanktionierten Kastensystem, und er spricht im Blick darauf von der großen Verpflichtung der Kirche die Massen der Kastenlosen nicht zu enttäuschen, wenn sie die Augen zu ihr aufschlagen. (333) Es erfolgt bei ihm aber nicht eine Engführung, die die Kirche als einzige Lösung propagiert, wie es bei manchen Missionsstrategen der Fall ist. Er bezeichnet die Bewegung als abendländisch beeinflusster Ruf nach Freiheit und Menschenwürde und kommentiert: "Das ist eine der großartigsten Erscheinungen in der modernen Geschichte; und diejenigen, denen die Führung dieser Massen zugefallen ist, haben eine außerordentliche Verantwortung." (213) Die hier angesprochenen Probleme sind akut bis heute. Ambedkar hat, von vielen gefolgt, für den Buddhismus votiert. Andere sind zum Islam oder Christentum übergetreten oder verstehen sich als Hindu. Hindu - nationalistische Organisationen und Politiker versuchen jetzt solche Übertritte durch Gesetzgebung zu verhindern.

Bis heute geraten Dalits in Wut, wenn die Rede auf Gandhi kommt, der sogar seine Waffe des Fastens zum Tode gegen bestimmte Vorschläge von Ambedkar eingesetzt hat. Kraemer ist ebenfalls kritisch im Blick auf Gandhi, obwohl er gleichzeitig ihn hoch geschätzt hat. Seine Kritik gilt Gandhis Widerstand gegen Mission, "Bekehrung" und was er "Propselytismus" nennt, wobei er auch die Frage der religiösen Zugehörigkeit der Kastenlosen und ihr Recht zu anderen Religionen überzutreten im Blick hat. (213) Kraemer diskutiert die Frage als ein Problem der Religionsfreiheit einerseits, und als Problem eines die Wahrheitsfrage ausblendenden Nationalismus andererseits. Gandhi sage zwar, dass "Bekehrung" ein "Einbruch in das Heiligtum der Persönlichkeit" sei, sein eigentlicher Beweggrund sei aber nationalistisch. Wie Kraemer es versteht:

"Nach Gandhis Religionsverständnis sind Religionen Produkte des nationalen Bodens, Swadeshi - Produkte, und es liegt deshalb jedermann ob, seine nationale Religion beizubehalten. Bei dieser Auffassung werden der universale Charakter der Religion und die Wahrheitsfrage ganz außer acht gelassen, und Gandhi kommt den Vertretern einer Bluthund Boden Religion gefährlich nahe; eine in der Tat überraschende Parallele." (46)

Gandhi, "der Mann der ‘Experiments of Truth’ machte und das Buch dieses Titels schrieb, wird der Vertreter einer sozialen und biologischen Auffassung von Religion, die eine Betäubung des Wahrheitssuchens zur Folge hat." (213) Statt dessen wird das Einhalten von kastengebundenen Bräuchen und Sitten zur höchsten religiösen Pflicht eines Hindu. (323) Kraemers Kritik des religiösen Nationalismus ist höchst aktuell. Er hat die fatalen Folgen einer Politisierung der Religionszugehörigkeit antizipiert. Unmittelbar folgend auf den Abschnitt über Ambedkar und die Bewegung der Kastenlosen kritisiert Kraemer die durch die Kolonialregierung erfolgte Legitimierung und Legalisierung der politischen Organisation des Landes auf Basis religiös - kommunaler Zugehörigkeit: "Die moderne Demokratie wird nun in riesigem Masse missbraucht werden". Diese Entscheidung "wird alle wirklich religiösen Fragen entstellen durch das Gift leidenschaftlicher politischer Rivalität und hartnäckiger sozialer Selbstbehauptung." (213) Diese Vorahnung hat sich in entsetzlichem Ausmaß während der Teilung des Landes in 1947, als Millionen Menschen auf Grund ihrer Religionszugehörigkeit und also als Hindus, Moslems oder Sikhs umgebracht worden sind, bewahrheitet. Und dieselbe Gefahr droht heute, 2002, als Hindu - Nationalisten die muslimische Minorität (von 120 Millionen Menschen) als anti - nationale Elementen bezeichneten und verfolgten, wie es in den blutigen Pogromen Anfang des Jahres in Gujarat und weit darüber hinaus geschah, zum dominanten politischen Problem zu werden.

Eine schwierige Frage lässt sich kaum vermeiden: hat Gandhi, der Friedensapostel, der weil er Hindus und Moslems mit einander versöhnen wollte, der durch einen fanatischen Hindu ermordet wurde, der die Bergpredigt liebte und das Lied "When I survey the wondrous cross", hat er mit seinem religiös geprägten Nationalismus ungewollt halbwegs die Tür für den heutigen Hindu - Nationalismus geöffnet? Seine Betonung von ahimsa, Gewaltlosigkeit, und satyagraha, spricht dagegen, wie die Anstrengung der Hindutva - Ideologen zeigt, die seine, wie sie sagen, feminisierte, sanfte Vorstellung des Hinduismus, durch eine militante, Gewalt nicht scheuende sondern ausdrücklich bejahende Interpretation und Projektion zu ersetzen versuchen. Die Nuklear - Tests wurden in demselben Gewalt - Geist unter dem Kode - Namen "Buddha lächelt" durchgeführt. Das alles ist weit von Gandhi entfernt.

Andererseits hat Gandhi aber Religion und Politik eng mit einander verknüpft und dadurch vielleicht doch indirekt zum Hindu - Nationalismus beigetragen. Ich erinnere mich wie Ajit Roy - Herausgeber von ‚The Marxist Review‘, seit langem ein Freund des HKH - diese These im Gespräch mit M. M. Thomas, auf dessen Veranda, vertrat, was bei M. M. auf heftige Ablehnung stieß. Kraemer hat auf jeden Fall in dieser Frage Schlimmes geahnt und bei aller Bewunderung für Gandhi den säkularen Nationalismus von Jawarhal Nehru vorgezogen.

Die Frage nach dem Verhältnis von Religion und Politik kann aber auch an Kraemer gestellt werden. Er hat sich als Christ politisch eingemischt und hat von der Mission erwartet, dass sie sich gesellschaftlich und politisch einmischen würde. Auf welcher Grundlage? Wie könnte er bzw. ein Befreiungstheologe heute einen Hindu oder Moslem oder Sikh dafür kritisieren, dass sie sich auf Basis ihrer Religion politisch betätigen?

Hendrik KraemerWie Kraemer die Beziehung von Glaube und Politik gesehen hat, lässt sich aus seinem Engagement in der holländischen Gesellschaft während und nach dem Kriege ableiten. Sein Einsatz für Gemeindeaufbau bzw. Zurüstung der Laien ging einher mit seinem Engagement für die und in der Sozialdemokratischen Partei, deren Öffnung für Christen er befürwortete. Das war eine Absage an christliche Parteipolitik. Seine Entscheidung für eine säkulare linke Partei hieß aber keineswegs, dass er Christentum bzw. christlichen Glaube als unpolitische Privatsache betrachtete. Im Gegenteil, er hat sich als bekennender Christ in der holländischen Gesellschaft politisch eingemischt.

1945 meldet er sich zu Wort mit der Frage an das niederländische Volk: "Auf welcher Basis?" Die Frage bezieht sich auf die Verarbeitung der Kriegserfahrung und auf die Verständigung über den Wiederaufbau des Landes, sowohl geistig wie materiell. Er fängt mit einem Hinweis auf Fichtes "Reden an die deutsche Nation" an, die zunächst wie ein Vorbild der Einmischung zu dienen scheinen, zum Schluss aber Gegenstand einer harten Kritik der durch Fichte inspirierten Grundlegung eines messianischen Nationalismus werden. (S. 11 ff). Kraemer entnimmt seinem Vorbild die Frage, auf welcher geistigen Basis das nationale Leben neu aufgebaut werden kann. Neutralität gilt nicht, so sagt er, wir müssen wählen welchen "Gott" wir dienen wollen. Ähnlich verfahrend wie Hromadka und M. M. Thomas setzt er mit einer Analyse der Krise der Zeit ein. Wie gewinnen wir den Frieden, so fragt er? Wem gehorchen wir, wenn wir versuchen der Erde treu zu bleiben? (31) Wie vermeidet das niederländische Volk einen Rückfall in seine Vorkriegskrankheiten? Wie sehen die Niederländer selbstkritisch das Versagen der Mehrheit unter Augen, anstatt sich selbstzufrieden mit den Verdiensten der Widerstand leistenden Minderheit zu brüsten?

Er zeigt den Weg zur Selbstkritik am Beispiel des Kolonialismus auf. Wir kritisieren heftig, so sagt er, und zwar mit recht die Plünderung unseres Reichtums durch die Nazibesatzungsmacht, aber wir fragen uns nicht, wo dieser Reichtum herkam. Wir haben uns über Jahrhunderte durch Raub bereichert, statt uns als Sachverwalter zu verhalten. (44) Wir waren verblendet, das Geld hat uns gehabt und nicht wir das Geld. Deswegen wirkt sich im Unrecht, das die Nazis an uns verübten, Gottes Gericht über unsere Ungerechtigkeit aus. Hier taucht biblisch und gesellschaftsanalytisch das anti - Mammon Thema der Kapitalismus - Kritik auf. Alles Eigentum sollte unter Sachverwaltung kommen. Das sei die einzige Alternative zum Kommunismus. (46) Die Blütezeit des bürgerlichen Kapitalismus sei vorbei. (51) Wir werden hineingerissen in einen Weltprozess, das zur Liquidierung des Kapitalismus tendiert und zu neuen Gesellschaftsformen. Das Problem ist, dass wir geistig durch den herrschenden Nihilismus am Aufbau behindert werden. - Es wäre spannend diese Analyse der globalen Entwicklung mit der heutigen Globalisierungsdebatte zu vergleichen.

Das Ergebnis seiner Analyse der Krisen ist, dass kein Volk sich um die Frage nach der gemeinsamen Basis seines Lebens drücken kann. Damit stellt sich eine religiöse Frage, nämlich die unumgängliche Auseinandersetzung mit den verschiedenen Formen der Absolutsetzung, der Vergötzung, sei es von Staat, Rasse oder Religion, oder -  wie ich hinzufüge - von Markt und Kapital. Aus welchen Quellen kann ein Volk schöpfen um den Tendenzen zur Vergötzung entgegenzuwirken? Kraemer betont, das jedes Volk, jede Religion solche Quellen hat. Für das niederländische Volk bezieht er sich in dieser Schrift auf die Nationalhymne (das Wilhelmus), die überraschenderweise nicht von der Nation spricht, die zum Teil Gebet ist und die zum Schluss Gehorsam gegenüber Gott in Gerechtigkeit über den Gehorsam gegenüber den irdischen Herrschern stellt Dies ist im Einklang mit dem von Kraemer so bezeichneten "biblischen Realismus", das nicht auf metaphysisch verankerten Grundwerten oder dergleichen aufbaut, sondern auf den Hinweis, auf die Wirklichkeit des lebendigen Gottes, der sämtliche soziale Realitäten, inklusive Kirche, Mission und sozialistische Politik kritisch hinterfragt und so vor Vergötzung schützt.

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Dialogisch leben

Kraemer hat solche Fragestellungen in Zeiten tiefer Krisen und Umbrüche entwickelt. Die gefangen genommene holländische Elite, zu der Kraemer zählte, die in Geiselhaft über die Zukunft beriet, lebte im Schatten der Drohung von Geiselmord als Vergeltung für Überfälle des bewaffneten Widerstandes. Wir leben in einer anderen Situation, in der aber manches von damals überraschend und erschreckend aktuell klingt. Bei Kraemer können wir lernen auf die Stimmen der Zeit zu hören, die Zeichen der Zeit zu analysieren und aus biblischen Quellen eine Perspektive zu entwickeln. Kraemer hat den Ruf im Umgang mit anderen Religionen nicht dialogisch genug gewesen zu sein. Aber die Moslems in Kairo, unter denen er monatelang gelebt hat, um den Islam tiefer kennen zu lernen, nannten ihn respektvoll "Scheich Kraemer". Es stimmt, er hat die Unterschiede betont, er meinte nicht, dass es in allen Traditionen im Grunde um dasselbe ginge, und er hat seinen Gesprächspartner kritische Fragen gestellt, sowie er seine eigene Tradition kritisch untersuchte. Aber er hat nicht nur über die anderen geredet, er hat intensiv zugehört, er hat sich leidenschaftlich und mit unersättlichen Neugierde bemüht anderen zu verstehen, kurzum er hat den Dialog mit anderen praktiziert und gelebt.

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Gemeinsames Leben

Zurückblickend auf das Zusammenleben von Menschen aus verschiedenen kulturellen und religiösen Traditionen unter dem Dach des Hendrik-Kraemer-Hauses muss gesagt werden, dass es auf uns als Hausbewohner in der Tat zutrifft, dass wir vielfach versäumt haben die Gelegenheit zur dialogischen Existenz, die das Haus bot ernsthaft aus zu schöpfen.

Bei Kraemer lässt sich lernen, für neu auftauchende Problemstellungen offen zu sein. H. R. Weber hat in seiner Berliner Rede über Weltmission heute, Hendrik Kraemer zum Gedächtnis, 1969, gesagt: Kraemer werde man nur gerecht durch das Aufgreifen neuer Themen. (Auf eine kritische Anfrage von M. M. Thomas antwortete Kraemer, er wäre froh einen post - Krämer Beitrag zur Diskussion zu leisten.) Dementsprechend griff Weber "die Herausforderung der Naturwissenschaften" auf. Für uns heute wäre an mehrere aktuellen Themen zu denken, die in den Programm - Ankündigungen von Bossey und HKH passen. Zu denken wäre an einer eingehenden Beschäftigung mit dem was Kraemer "das Rätsel des Islam" nannte. Das könnte im Gespräch mit Moslems im HKH und seinem Umkreis versucht werden. Das HKH hat sich seit langem für Themen im Bereich der Kritik des Kapitalismus (anti - Mammon) interessiert. Das ist angesichts der neo - kolonialen Praktiken des WTO und der TNCs äußerst dringlich geworden. Dazu kommt die Öko - Krise als Infragestellung der kapitalistischen Wirtschaftsweise und einer Lebensweise, die auch im Kraemerhaus noch lange nicht praktisch genug durch alternatives Konsumverhalten überwunden ist. Es bedarf des biblischen Realismus von Kraemer und praktische Bereitschaft, alternatives Leben im Alltag aus zu probieren, um die Einheit von Gott dem Schöpfer und Befreier zu bezeugen und die Zusammengehörigkeit von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung anzuzeigen. Das enthält auch Fragen an die Weise des Zusammenlebens im HKH, worauf ich jetzt zum Schluss kurz eingehen möchte.

Es hat in den vergangenen Monaten und Jahren im Hendrik-Kraemer-Haus - und im Gespräch mit verwandten Zentren wie dem Giordano Bruno Haus - eine Diskussion gegeben über die Frage: wie kann ein Haus wie dieses "Ökumenische Herberge" sein und ein "Haus" (oikos) das ökonomisch, ökologisch und ökumenisch ansatzweise durch seine Bewohner / innen und Besucher praktiziert was es thematisch, programmatisch befürwortet? Es gibt Indizien, dass Kraemer sich für solch eine Diskussion sehr interessiert hätte. Als Einsasse in einem rigorosen Waisenhaus für 700 Waisen hat er, vierzehnjährig, einen Reformvorschlag verfasst, der vorsah das ganze in kleinen Hausgruppen aufzuteilen und so die autoritär - effizient organisierte Institution in einen Rahmen für freundschaftlich - familiäre Lebensgemeinschaften zu verwandeln. Wie können wir, so schreibt er viele Jahre später in seinem Buch "Theologie des Laientums" Gemeinschaftsformen entwickeln, die bezeugen, dass die Kirche eine "christokratische Bruderschaft" ist (177). Interessanterweise wird dieser Ausdruck auf Bés Einladung zur Namengebung 1959 zitiert. Er müsste feministisch korrigiert werden, erscheint aber dann nach wie vor als eine Herausforderung nicht nur an kirchlichen Organisationsformen, sondern auch an ein spürbares Zurückbleiben des HKH hinter solcher Erwartungen. Kraemer hielt Ausschau nach Gemeinschaften gegenseitiger Unterstützung und Dienst. Er erwähnt Hausgemeinden, ashrams u. dgl. mehr. Er hätte sich, bin ich sicher, sehr für das Phänomen von Wohngemeinschaften interessiert und die Skeptiker, die auch im Umkreis des HKH zu finden sind, auf ihre Ängste vor solchen Formen befragt. Leider ist es uns bis jetzt nicht gelungen darüber eine gemeinsame Vision zu entwickeln. Um in dieser wichtigen Frage weiter zu kommen brauchen wir das Mitdenken und die Unterstützung von einem breiten Kreis von Freunden / innen des Hauses.

Hendrik Kraemer starb in 1965 und wurde in Driebergen, in der Nähe des Instituts Kirche und Welt - das den Kahlschlag neo-liberaler Politik nicht überlebt hat - beerdigt. Auf dem Grab dieses feurigen Zeugen von der Kraft, der Freude und der trostreichen Ermutigung die in der gemeinsamen Nachfolge Jesu Christi gefunden wird, steht "expectat resurrectionem" - erwartet die Auferweckung.

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Weitere Informationen zu Hendrik Kraemer

 

zuletzt bearbeitet: 19.04.2008