VEREIN DER FREUNDE DES HENDRIK-KRAEMER-HAUSES e.V.

 

 

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Lesefrüchte …

entstand aus dem Bedürfnis, andere an Gelesenem teilhaben zu lassen und sich darüber auszutauschen. Wir treffen uns jeden 3. Montag im Monat um 19.30 Uhr im HKH.

Jede(r), der/die möchte, kann ca. 10 Minuten ein Buch, einen Artikel, einen Film vorstellen, daran anschließend diskutieren wir noch einmal 10 Minuten darüber.

Einige vorgestellte Werke in bunter Folge

Rona hatte sich durch das umfängliche Impulspapier des Rates der EKD zum Zukunftskongress im Januar 2007: "Kirche der Freiheit – Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert" gearbeitet. Gemeinsam mit einem kleinen ökumenischen Zirkel hat sie ihre Kritik an dem Impulspapier in einem Offenen Brief an Bischof Huber geschrieben. Offener Brief

  • In knappen Stichpunkten zusammengefasst, ist ihre Kritik:
    1) Das Impulspapier betone viel zu wenig den ökumenischen Gedanken.
    2) Kirche wird Dienstleistungsunternehmen ausgerichtet und damit einer ökonomischen Logik unterworfen. Das äußere sich schon in der Ökonomisierung der Sprache des Impulspapiers.
    3) In dem Impulspapier und der Perspektivkommission kommen diejenigen vor, die im Jahr 2030 die Kirche gestalten werden, und ihre Sichtweisen kaum vor. 4) Das Impulspapier beziehe Zukunft der Kirche vorrangig auf den Erhalt der Institution Kirche. Sie vermissen eine theologische Fundierung der Reformansätze.

Eric T. Hansen: „Planet Germany - Eine Expedition in die Heimat des Hawaii-Toasts“. Frankfurt a. M. 2006.

  • Zum Abschluss zog Rona noch ein Büchlein aus der Tasche: Den heiteren Bericht von einer Reise durch die hiesigen Eigen- und Unsinnigkeiten.
    Der Autor, Eric T. Hansen, war einen Mormonenmissionar aus Hawaii, der vor rund zwanzig Jahren nach Deutschland kam, hier aus die Mormonen verließ und lieber als Journalist und Autor seine Brötchen verdient. In Planet Germany greift er verschiedene Klischees und Vorurteile über Deutschland und die Deutschen auf und vergleicht sie mit seinen Erfahrungen in Deutschland.

    Rona hatte das Buch ihrem Freund zu Weihnachten geschenkt, es ihm vorgelesen und dann gleich wieder mitgenommen – um es bei den Lesefrüchten vorzustellen. Als Kostprobe las Rona das Kapitel Kult um tote Dichter vor – alle verehren sie, die Parteien tun sogar, als seien sie jeweils ihre Ehrenvorsitzenden, aber keiner liest sie (das beklagte allerdings auch schon der Zeitgenosse von Goethes Jugendjahren Lessing:

    „Wer wird nicht einen Klopstock loben? Doch wird ihn jeder lesen? – Nein. Wir wollen weniger erhoben und fleißiger gelesen sein“)

Thomas lobte Alexander Ikonnikows Taigablues bis über den Grünen Klee und las zum Schluss eine Geschichte aus dem Buch vor.

  • Ikonnikow lebt in der russischen Provinz. Taigablues ist sein erstes Buch. Es ist eine Sammlung von Geschichten aus dem russischen Alltag – von sowjetischen Zeiten bis heute. Es sind kurze Momentaufnahmen aus dem Leben einzelner Personen, die zusammen wie ein Mosaik ein Bild vom Leben in Russland ergeben. Sie sind zum größten Teil in einem heiteren, leichten Ton geschrieben, mit Sympathie für die Leute, von denen erzählt wird. Es scheint – mit westlichen Augen gesehen – eine Sammlung von skurrilen Leuten und grotesken und absurden Begebenheiten – wie Satire. Doch wohlmöglich ist das russische Leben so. Und bei aller Heiterkeit der Schilderung, so heiter lebt es sich nicht (mehr): In fast allen Geschichten wird von exzessivem Alkoholkonsum erzählt, von Korruption und Willkür, von Gammelei und von Gewalt untereinander.

Constanze resümierte die Rede des Ratzinger-Papstes im September 2006 und die Antwort von 38 muslimischen Theologen darauf, die dem Papst am 12. Oktober mit einem Offenen Brief (im Internet in mehreren Sprachen veröffentlicht) antworteten.

Das Grundthema des Papstes in seiner Rede ist die Frage, wie lässt sich die Vernunft (wieder) in die Religion zurückholen. Ratzinger entwirft dabei das Bild einer ursprünglichen Einheit von Vernunft und christlichem Glauben. Dieser stellt er mit dem antiken Kaiser-Zitat den Islam als unvernünftige Religion gegenüber, da sie gewalttätig sei. Damit erweist sich die Rede als Teil des Versuchs, das 21. Jahrhundert als christliches zu behaupten und quasi eine Art "Einheitsfront" der christlichen Konfessionen zu begründen. Die islamischen Theologen zerpflücken in ihrer Antwort Schritt für Schritt Ratzingers Argumente und Belege. Sie weisen in philologischer Kleinarbeit nach, wo und wie er schluderte: Statt, wie Ratzinger behauptete, mit Blut und Schwert den Glauben zu verbreiten, verbiete der Islam die gewaltsame Missionierung, es gebe keine Zwangsbekehrungen, das von Ratzinger gezeichnete Gottesbild des Islams sei falsch usw. Die Kritik der Autoren des Offenen Briefes an Ratzingers Rede greife aber, so Constanze, zu kurz, da sie darauf beschränkt ist, die sachlichen Fehler zu widerlegen, aber nicht auf die Grundintention Ratzingers eingeht.

Friedericke wies zuerst hin auf das von Klaus Heidel und Thomas Posern herausgegebene Jahrbuch Gerechtigkeit II: Reichtum, Macht, Gewalt. Sicherheit in Zeiten der Globalisierung, das vor kurzem erschienen ist.

Als zweites stellte uns Friedericke die Broschüre von Kairos Europa vor: Wirtschaft(en) im Dienst des Lebens.

Wie geht es weiter nach den ökumenischen Vollversammlungen? Eine praktische, handliche Broschüre, die im ersten Teil Analysen und Überlegungen zu den Ergebnissen der Vollversammlungen enthält und im zweiten Teil einen Anhang mit Dokumenten. Hier findet man noch mal (in deutscher Übersetzung) eine Reihe der zentralen Erklärungen und Texte.

Giselher berichtete von dem Dokumentarfilm "Abgetaucht",

in dem drei Illegale in Deutschland porträtiert werden, dazu gibt es in dem Film Interviews mit Akteuren der Illegalenarbeit. Der Film wurde bei einer Veranstaltung des Instituts für Menschenrechte gezeigt. Demnächst kann man sich den Film auf ARD anschauen. Nach dem Film gab es eine Podiumsdiskussion, an der u. a. eine Vertreterin der medizinischen Flüchtlingshilfe teilnahm. Giselher nahm deren Broschüre zu ihrer Arbeit mit und stellte sie vor. Es ist eine ganz anschauliche Geschichte eines linken Projektes, das in den 1980er in Westberlin begann und sich bis heute erfolgreich behauptet. Am Anfang gab es u. a. starke Bedenken, ein Zentrum einzurichten, wo in der Illegalität Lebende medizinische Versorgung erhalten. Man hatte Angst, eines Tages steht die Polizei vor der Tür und das Zentrum wird zur Falle. Deshalb wählte man als Ort den Mehringhof mit seinen unzähligen Ausgängen. Erstaunlicherweise kam es allerdings kaum zu Behelligungen durch Polizei und Staat. Im Gegenteil: Die medizinische Flüchtlingshilfe wird mittlerweile von staatlicher Seite als Vorzeigeprojekt gelobt. Weiter reicht die ‚Unterstützung’ allerdings nicht. Und an dem Skandal, daß für die in die Illegalität gedrängten Menschen das Grundrecht auf medizinische Versorgung nicht gilt, änderte sich leider auch noch nichts.

Giselher stellte Tariq Alis "Fundamentalismus" im Kampf um die Weltordnung vor (in der Bibliothek des Kraemer-Hauses gibt es auch ein Exemplar).

Das englische Original erschien 2002. Der Originaltitel "The clash of fundamentalism" verdeutlicht, dass es Ali auch um eine Kritik von Huntingtons These vom clash der Kulturen geht. Tariq Ali wurde 1943 im späteren Pakistan geboren, seine Eltern waren Gutsbesitzer, viele aus seiner Familie engagierten sich politisch. Er lebt heute in England. Um den Vorwurf, der Islam sei qua seiner Religion fundamentalistisch, zu entkräften, schreibt Ali eine politische Geschichte des Islams: die Entstehung des islamischen Weltreichs, der Islam während der englischen Kolonialherrschaft, die Gründung von Pakistan, Afghanistan usw. und als Epilog die Geschichte des Islam in Indonesien. Anhand der konkreten politischen Ereignisse und Entwicklungen zeigt Ali, wie sich die jeweiligen Fundamentalismen auf politische Konstellationen und Interessen zurückführen lassen – und nicht, wie häufig angenommen, in der islamischen Religion begründet sind. Den Fundamentalismen in islamischen Gesellschaften stellt Ali den Fundamentalismus der USA gegenüber. Sie vergleichend, kommt Ali zu dem Ergebnis, dass der in der politischen Geschichte der USA und im Kapitalismus verwurzelte Fundamentalismus die derzeit aggressivste Form des Fundamentalismus ist.

Friederike empfahl Fernando Savaters "Die zehn Gebote im 21. Jahrhundert" (bei Wagenbach erschienen) als angenehme Lektüre:

Ein heiterer Plauderton (das Buch beruht auch auf einer Sendung des spanischen Fernsehens) und auf geistvoll-witzig Art erzählt. Savater ist 1947 im Baskenland geboren und lehrt Philosophie. Er ist kein Theologe. Er fragt gewissermaßen als Philosoph und politisch interessierter und engagierter Christ nach der Bedeutung der zehn Gebote in der heutigen Zeit für uns. Er geht Gebot für Gebot durch. Am Anfang steht jeweils eine kurze Bestimmung der historischen Gründe und Motivationen für die Gebote und die Frage, ob und was sich darauf für heute gewinnen lässt. Seine Antworten sind keine dogmatischen oder theologischen Erklärungen, sondern Überlegungen, die, so Friederike, voller Anregungen sind.

Steffi stellte ein neues Buch von Gillian Slovo vor: The Betrayal.

Wie immer spannend und fesselnd zu lesen. Der Roman spielt im Südafrika während der Apartheid.

Constanze berichtete von zwei Ausstellungen: Ägyptens versunkene Schätze im Martin Gropius Bau (noch bis 4. September):

in der Ausstellung werden erstmalig die antiken Fundstücke, die vor der Küste Alexandrias gefunden wurden, präsentiert, darunter riesige Götterstatuen. Und sie zeigen vor allem auch, wie die Stücke gefunden, ‚ausgraben’ und konserviert werden. Constanzes Urteil: angucken! Die zweite Ausstellung ist: 150 Jahre Freud im Jüdischen Museum. Das Glanzstück der Ausstellung: eine nachgebaute (oder vielleicht sogar gebackene?!) metergroße Torte aus Zuckerguß, auf der Freuds Lebensweg dargestellt ist. Das Original hatte Freud zu seinem 80. Geburtstag geschenkt bekommen.

Thomas stellt Sonja Margolinas "Wodka" vor, eine Kulturgeschichte des Wodkas in Russland bzw. seiner desaströsen Auswirkungen auf die russische Gesellschaft.

Margolina ist in der Sowjetunion aufgewachsen, lebt heute in Berlin und arbeitet als Publizistin für verschiedene deutschsprachige Zeitungen und Zeitschriften. An unzähligen historischen Beispielen zeigt Margolina, wie der russische Staat aus finanziellem Interesse die gesundheitliche und moralische Ruinierung seiner Bürger und Bürgerinnen in Kauf nimmt: in Spitzenzeiten beruhte der Staatshaushalt zur Hälfte auf den Wodkaeinnahmen – sowohl zu zaristischen als auch zu sowjetischen Zeiten. Anfänglich wurde der Alkoholkonsum sogar staatlich initiiert und gefördert. Das Muster läßt sich für andere Drogen auch andernorts finden, so verbot entgegen der entsprechenden EU-Richtlinie der deutsche Staat immer noch nicht Zigarettenwerbung vollständig – aus Sorge um Steuereinnahmen und Arbeitsplätze in der Werbeindustrie.

Romane und Erzählungen von Kerstin Hensel:

Vor allem in ihren beiden Erzählbänden beschreibt Hensel Heimat – jedoch nicht als heimelige Idylle, sondern als unvollendete Heimat im Sinne des letzten Satzes aus Blochs "Das Prinzip Hoffnung": Sehnsucht nach Glück, nach einem erfüllten Leben, nach einer Gemeinschaft, die ein nicht-entfremdetes Dasein ermöglicht, in der der Einzelne ganz sein kann. Hensels Geschichten sind ein ganz genaues Erzählen, das aufs Detail geht und sprachlich tief in der jeweiligen Region verwurzelt – aber ohne Dialekt-Geklingel zu sein. Die Geschichten erzählen von einem Einst – das sowohl die Vergangenheit enthält als auch die Hoffnung und Sehnsucht auf ein Kommendes.

Kerstin Hensel: Gipshut (Roman)
Kerstin Hensel: Neunerlei (Erzählungen)
Kerstin Hensel: Im Spinnhaus (Roman, der aus einzelnen Erzählungen zusammengesetzt ist. Ihr bislang bestes Buch.
Kerstin Hensel: Falscher Hase (Roman)

José Saramagos Roman "Das Zentrum":

In dem Roman wird am Beispiel des portugiesischen Töpfers Cipriano Algor und seiner Familie beschrieben, wie ein großes Einkaufszentrum die alte, traditionelle Lebenswelt und ihre sozialen und ökonomischen Strukturen zerstört. Das Einkaufszentrum untergräbt mit seiner neoliberalen Logik die Grundlagen der Existenz Cipriano Algors und drückt seinen Lebensraum immer mehr zusammen.

Ergebnisse eines Vortrages über die Zerstörung der lokalen Geflügelproduktion in Kamerun (auf einer Attac-Tagung):

Der Export gefrorenen Hühnerfleischs aus Europa in afrikanische Länder zerstört dort – durch Dumpingpreise – die heimische Geflügelproduktion und die dahinterstehenden Produktionsketten (Maisanbau etc.). Und die Überschwemmung mit gefrorenen Hühnern aus Europa zerstört nicht nur die lokale Ökonomie und gefährdet die Gesundheit der Leute, sondern auch die lokale Kultur und Tradition, in der u. a. das Huhn eine wichtige Rolle spielt. Gegen den unbeschränkten Import des europäischen Hühnerfleisches formierte sich erfolgreich eine Kampagne: sie erreichte a) die Bevölkerung, die verstärkt wieder einheimisches Hühnerfleisch kaufte, und b) die Politik, die die Einfuhrzölle auf Hühnerfleischimporte wieder einführte.

"Fair Future. Begrenzte Ressourcen und globale Gerechtigkeit":

Eine sehr bildhafte Darstellung der Globalisierung und ihrer Auswirkungen.

Wolfgang Sachs’ Buch "Wie im Westen so auf Erden":

Sachs hinterfragt zentrale Begriffe der Entwicklungspolitik .

Die us-amerikanische Krimiautorin Dana Stabenow:

Einige ihrer Bücher spielen in Alaska und thematisieren das Leben der dortigen Inuit-Indianer zwischen Zerstörung ihrer traditionellen Kultur und Lebensweise, den Verlockungen und Folgen der modernen Zivilisation und der Suche nach einer eigenen Identität, die an die traditionelle Kultur anknüpft.

Alfredo Bauer, Kritische Geschichte der Juden, Band I, Neue Impulse Verlag, 2005:

Des Autor These ist, das die ökonomische Situation der jüdischen Bevölkerung ein Schlüssel zum Verständnis ihrer Geschichte sei. Band I spannt den Bogen vom babylonischen Exil bis ins 19. Jahrhundert. Das Fehlen von Grundbesitz ist durchgehend Merkmal der den Juden auferlegten Lebensbedingungen, Akkumulation spielte sich folglich nur im Bereich des mobilen Kapitals ab, also Handel und Geldwirtschaft. Konflikte entstanden z.B. dann, wenn christliche Bevölkerungsschichten in diesen Bereichen Konkurrenz auszuschalten suchten. Es ist anregend, die Tragfähigkeit eines solchen Grundmusters durch die Geschichte hindurch zu buchstabieren.

Wolfram von Eschenbach, Willehalm, Walter de Gruyter-Verlag 2003:

Es ist ein Epos, in dem der Dichter des 12./13. Jahrhunderts Zeitgeschichte und zeitgenössische Fragestellung reflektiert: Kreuzzugsideologie und Minne-Ethos. Beides steht, nach Ulrikes Empfinden, ziemlich unvermittelt nebeneinander. Daraus resultiert der zentrale Konflikt der Erzählung. Unklar ist, ob die Dichtung Fragment geblieben ist. Ihre Größe beruht jedenfalls auch darauf, dass der Widerspruch unaufgelöst bleibt.

Kressmann Taylor, Adressat unbekannt, rororo 2004:

Das schmale Büchlein enthält 18 fingierte Briefe, 1932-34 zwischen einem Juden in den USA und einem Deutschen, beginnend mit inniger Freundschaft, dann opfert Schritt für Schritt der Deutsche die Beziehung seiner NS-Karriere. Der US-Freund rächt sich, indem er die Korrespondenz einseitig intensiviert und den Nazi damit ins Verderben stürzt. 1938 in den USA mit großen Erfolg mehrmals gedruckt, aber bald vergessen, zumal der politische und künstlerische Gehalt zweifelhaft ist. 1995 in mehreren Auflagen neu erschienen, 2000 auch ins Deutsche übersetzt; erzielte hier bis 2004 neun Auflagen. Warum hat gegenwärtig diese Art Literatur solche Konjunktur?

Film "Crash", USA:

Es ist ein Film über Gewalt, ohne exzessiv Gewalt darzustellen. Die Grundaussage: Angst vor Gewalt beherrscht die Stadt.

Film: "Höhle des gelben Hundes", Mongolei:

In breit beschreibenden, ruhigen und Ruhe ausstrahlenden Bildern wird das Hirtenleben in der Mongolei der Gegenwart dargestellt.

Biographie über die preußische Königin Luise, die als Kronprinzessin in der ersten Zeit ihrer Ehe ein eher bürgerliches Leben auf dem Gut in Paretz führte. Ein paar Kilometer nördlich von Potsdam gelegen empfiehlt sich der Ort mit dem Schloss immer noch als reizvolles Ausflugsziel – und auch Hochzeitsort.

Die Biographie "Königing Luise. Leben und Legenden" schrieb Luise Schorn-Hütte und sie ist unterteilt in drei Kapitel und eine Einleitung. Die Autorin bettet die Biographie Luises in den politisch-historischen Kontext ein. Am Anfang steht die Kindheit und Jugend sowie die Zeit als Kronprinzessin. Detailliert zeichnet Schorn-Hütte nach, wie der bürgerliche und einfache Lebensstil des königlichen Paares in dieser Phase und ihre Orientierung an einem romantisch-bürgerlichen Lebens- und Eheideal die Grundlage lieferte für die späteren Legenden. Das zweite Kapitel widmet sich der Regierungszeit und dem Einfluß von Luise hinter den Kulissen auf die Politik. Sie unterstützte entschieden die Reformfraktion in Preußen (von Hardenberg, von Stein usw). Die hohe Übereinstimmung ihres Werte- und Tugendkanons, wie er schon im Leben auf Paretz sichtbar wurde, mit dem bürgerlich-preußischen sicherte ihr auch die Zustimmung des bürgerlichen Lagers in Preußen. Was nicht zuletzt wesentlich zur Stabilität der Regierung ihres Mannes beitrug. Im dritten Kapitel geht Schorn-Hütte der schon rasch nach Luises Tode einsetzenden Legendenbildung nach, die zu allen Jubiläen immer wieder neue Impulse erhielt.

Uwe Müllers „Supergau Deutsche Einheit“ (Rowohlt Berlin 2005):

Im Jahr 15 der Deutschen Einheit stellt Uwe Müller, Journalist der Tageszeitung „Die Welt“ die Diagnose: Die Wiedervereinigung ist ökonomisch gescheitert. Das Bild des Ostens in der Öffentlichkeit ist geprägt vom Abriß ganzer Stadtviertel, von andauernder Abwanderung, der Verödung und Vergreisung von Regionen. Trotz finanzieller Unterstützung in dreistelliger Milliardenhöhe schafften die neuen Bundesländer seit 1990 nicht den Anschluss an den Westen. Mit dem Wegfall der Ost-Subventionen falle der Osten ins ökonomische und finanzielle Nichts. Und der Absturz Ost drohe, den Westen mitzureißen. Müller fordert daher einen radikalen Neubeginn: Ostdeutschland brauche eigene Sonderregeln – nicht Geld aus dem Westen. Nur so könne es sich aus der finanziellen Abhängigkeit befreien und zu einem wirtschaftlichen Aufschwung kommen. Die Zukunft Ostdeutschlands liege in einer Sonderwirtschaftszone. Was Müller an Zahlen und Fakten zusammenträgt, ist sicher richtig. Aber sie sind nicht neu und die Auswahl ist willkürlich und einseitig. Das Buch ist reißerisch und auf den Skandal aus (man merkt, es ist für die Zeitung geschrieben). Das Buch ist geprägt von einem hektischen Gegenwartsblick, der momentane Trends in die Zukunft verlängert. Und für die Vergangenheit werden politische Handlungsspielräume unterstellt, die es nicht gab. Daß Hauptmanko liegt jedoch im Fehlen der Analyse. Müller trägt mit der Ausdauer einer tibetanischen Gebetsmühle seine Symptombeschreibung vor. Aber er fragt nicht: wer davon profitierte, daß der Beitritt und der Prozess in den letzten Jahren ökonomisch und finanzpolitisch so verlief, wie er gelaufen ist. Zum Buch gab es hauptsächlich eine kleine Lesung – und zwar der Auszüge, in denen der Osten als exotisches Ausflugsgebiet für westliche Touristen imaginiert wird. Der Osten wird hier zum wilden, jungfräulichen Dschungel, in dem man unverhofft doch noch auf Eingeborene trifft. Das ist ein ungemein skurriler, verfremdender und ironischer Blick auf die Wahrnehmung des Ostens, auf das Bild von ihm, dass in der Öffentlichkeit gängig war (bzw. ist).

Rafik Schami vor: "Die dunkle Seite der Liebe":

Schami läßt anhand der Geschichte zweier verfeindeter Familien 100 Jahre syrische Geschichte Revue passieren. Es ist ein „bunter, aufregender Teppich einer Landesgeschichte“ – mit vermutlich vielen autobiographischen Elementen. Ein Roman mit unglaublich vielen Facetten und thematischen Dimensionen. Der Autor führt seinen Leserinnen und Leser u. a. eindringlich die patriarchalischen Verhältnisse und Gewalt der arabisch-islamischen Gesellschaft in Syrien vor Augen. Auch in die Geschichte der kommunistischen Partei Syriens werden wir Leser und Leserinnen eingeführt. Aber das Hauptthema ist, der Titel sagt es schon, die Liebe. Nirgends sei sie feuriger, intensiver, poetischer, nach Jasmin duftender und tödlicher als in Syrien. Das Manko des Romans: er bleibt statisch. Es ist ein rein deskriptives Erzählen. Die Widersprüche entfalten keine Dynamik. Liegt es am Gegenstand des Erzählens – die syrische Gesellschaft – oder am Erzählen selbst?

Die unvollendete Autobiographie von Günter Gaus "Widersprüche":

Gaus (Jahrgang 1929) beginnt mit der ausführlichen Schilderung seiner Kindheit und Jugend in der NS-Zeit und im Krieg und endet mit dem Jahr 1973. Mit der Schilderung des ersten Vierteljahrhunderts der BRD gibt Gaus, so Giselher, eine ungemein erhellende Charakterisierung der bundesdeutschen Mentalität. Gaus’ Credo ist eine Politik der Mäßigung, ein Ethos des Mäßigenden. Er plädiert dafür, nicht den maßlosen Ikarus mit seinem himmelstrebenden Heroismus als Vorbild zu nehmen, sondern Dädalus, der sich mit einer dem Menschen bekömmlichen Bahn bescheidet. Auch Anpassung ist ein Menschenrecht – für die Schwachen. Dahinter steht die Frage: Was ist das zuträgliche Maß für den Menschen? Für Gaus ist der schwache, darbende Mensch das Maß allen politischen Handelns. Man solle nicht zu viel vom Menschen verlangen, ihn nicht überfordern. Was wir uns fragten: Wo geht die Politik der Mäßigung über in eine Politik, die den Menschen nicht ernst nimmt in seinen Möglichkeiten, die den Einzelnen ohne Herausforderungen der bequemen Hinnahme der Verhältnisse als unveränderbar überlässt? Und muss Mäßigung nicht für die verschiedenen gesellschaftlichen Felder (Wirtschaft, Arbeit, Technik, Politik etc.) unterschiedlich buchstabiert werden?

Hinweis auf zwei Bücher zur politischen Ökonomie:
- Ton Veerkamp: Der Gott der Liberalen.
- John Bellamy Foster: Marx’s Ecologycal Materialism.

Grundthese: man versteht Marx nicht, wenn man nicht erkennt, dass Marx’ Ansatz ein ökologischer ist.

J. M. Coetzee: Schande

Ein Roman des südafrikanischen Literaturnobelpreisträgers J. M. Coetzee, der sich mit den Folgen der Apartheid beschäftigt; im Zentrum steht u. a. die Frage der Gewalt und inwiefern sie aufgrund der Geschichte Südafrikas zu rechtfertigen ist.

Geiko Müller-Fahrenholz: In göttlicher Mission - Politik im Namen des Herrn - Warum George W. Bush die Welt erlösen will, mit einem Vorwort von Eugen Drewermann (2003)

Ein Buch über den religiösen Hintergrund der Politik G. W. Bushs. Der vor allem aus den Kreisen der christlichen Rechten kommende religiöse (d. h. in diesem Fall: christliche) Fundamentalismus und sein Einfluss auf die Politik der Regierung der USA werde, so eine der Thesen des Buches, weitgehend unterschätzt, obwohl es sich um ein sehr große Bewegung handle.

Slavoj Žižek: Die Revolution steht bevor. Dreizehn Versuche über Lenin. (2002)

Eine Essay-Sammlung des slowenischen Philosophen Slavoj Žižek, der aus der Perspektive Lenins fragt, wie eine linke Politik heute aussehen kann. Er, Žižek, wolle deshalb mit den Augen Lenins auf die gegenwärtigen Probleme schauen, weil für ihn die Situation Ende der 1990er Jahre viele Gemeinsamkeiten mit der Situation der sozialistischen Parteien 1914 aufweise. Dabei gibt Žižek weniger Antworten, er hinterfragt vielmehr sehr polemisch linke Positionen und Gewissheiten.

Folgende Filme wurden als sehenswert empfohlen:

Warten auf das Glück

Die Geschichte vom weinenden Kamel

Feel like going home 

Ulrich van der Heyden / Joachim Zeller (Hrsg.): Kolonial-Metropole Berlin. Eine Spurensuche. Berlin 2003:

Ein Buch über die 'Spuren' des deutschen Kolonialismus in Berlin vor: Welche Organisationen und Institutionen gab es? Wo saßen sie? Was war ihre Geschichte? Welche Personen hatten welche Funktionen? etc. Der behandelte Zeitrahmen reicht von den Anfängen des Kaiserreichs bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Der Schwerpunkt liegt auf der politischen und der Sozialgeschichte. Es ist ein Sammelband, der populär geschrieben und wie ein Lexikon nutzbar ist.

Domenico Losurdo: Lenin, die Herrenvolk-democrazy und das Schwarzbuch des Kommunismus.  In: Topos, Heft 22 (2004): Lenin (steht in der Bibliothek des HKH).

Ein Artikel über Lenin und seine Kritik der „Herrenvolk-Demokratie“. Der Autor ist ein italienischer marxistischer Philosoph. In dem Aufsatz bestimmt Losurdo zuerst die historischen Wurzeln der Herrenvolk-Ideologie und geht danach auf Lenins Kritik daran ein. Besonders aufschlussreich ist, dass ein großer Teil des NS-Vokabulars und viele Elemente der NS-Ideologie schon vor der Jahrhundertwende im Rahmen des ‚Konzepts’ der Herrenvolk-democrazy auftauchen: „niedrige Rasse“ „KZ“, „Holocaust“, „Ausrottung“, „Deportation“ usw. – all diese Begriffe sind in der US-amerikanischen und englischen Öffentlichkeit der Jahrhundertwende schon präsent und weitgehend akzeptiert. Lenin kritisiere u. a., dass auch die deutsche Sozialdemokratie nicht frei sei von diesem Rassismus und die (westlichen) Europäer als die „höherstehenden zivilisierten“ Völker ansehe.

Barbara Honigmann: Ein Kapitel aus meinem Leben. (Hanser-Verlag München)

Ein Buch der (ehemals) ostdeutschen und jüdischen Publizistin Barbara Honigmann. In dem Buch geht es hauptsächlich um das Leben ihrer Mutter - ein Leben an vielen Orten, mit vielen Männern, sehr intellektuell, sehr schillernd. Die Mutter kommt aus einem großbürgerlichen, jüdischen Elternhaus in Wien. Sie lebt lange in Frankreich und England. Nach dem Zweiten Weltkrieg geht sie mit ihrem Mann in die nach Berlin, in die DDR, wo sie in einer Villa in Karlshorst wohnen. Die Welt der jüdischen kommunistischen Remigranten muss in der DDR ein Kosmos für sich gewesen sein: häufig mit (groß-)bürgerlichem Familienhintergrund, sehr intellektuell, mehrsprachig, mit der Erfahrung eines gelebten Europäertums. Das rieb sich mitunter am Denken und Verhalten der Parteifunktionäre, die eher aus der Arbeitertradition kamen.

Arundhati Roy: Public power in the age of Empire 

Der Artikel ist die schriftliche Fassung eines Vortrages, den Roy im August 2004 in San Francisco hielt. Ihr Ausgangspunkt ist die Frage, inwieweit die öffentliche Sprache/ die Sprache in der Öffentlichkeit überhaupt noch das bezeichnet, was sie vorgibt zu bezeichnen: Was ist gemeint, wenn von Demokratie gesprochen wird? Was ist gemeint, wenn US-amerikanische Politiker von Freiheit reden? Roy konstatiert: die Begriffe, mit denen wir für Emanzipation usw. kämpfen, sind besetzt und inhaltlich ungedreht worden. An mehreren Beispielen geht Roy durch, wie und an welchen historischen Punkten diese Umdeutungen erfolgten. Im Anschluss daran fragt Roy, welche Rolle Öffentlichkeit in der Zeit des Imperiums spielt, welche Macht sie habe, wo und wie im Zeitalter der Globalisierung Widerstand möglich ist, und wie dieser sich vor den Gefahren der Vereinnahmung schützen kann. Die Grundbedingung ist: der Widerstand muss von unten, vom Volk ausgehen. Drei Gefahren hebt Roy dabei hervor: 
1) Die Rolle der Massenmedien: die Medien berichten nur über die großen, spektakulären Ereignisse. Der alltägliche Kampf dagegen komme nicht vor. 
2) Die Tendenz der NOG-isierung. Diese bringe den Widerstand in die Abhängigkeit von großen Geldgebern (Staat, Konzernen, Stiftungen). Und sie verfestige den Opferstatus, da dieser die Legitimationsbasis der NGOs sei. 
3) Die direkte Unterdrückung von Bewegungen.

Fernando Enns u. a.: Seeking Cultures of Peace. A Pease Church Conversation. Telford (PA) 2004:

Ein von der Friedenskirche herausgegebenes Buch. Es knüpft an die Frage nach einer neuen analytischen und widerständigen Begrifflichkeit an. Das Buch setzt sich mit der These von Hardt und Negri (The Empire) auseinander: mit der Transformation zum Imperium, so Hardt und Negri, sei die (öffentliche) Macht unsichtbar geworden und löse sich dessen sichtbaren Strukturen auf. Die Frage ist, gegen wen könne die traditionelle christliche Friedensbewegung dann noch ihren Protest richten? Wo müssen sie ansetzen?

David Sogge: Der unselige Zustand des Gebens und Nehmens. Entwicklungshilfe in der Krise. In: Le Monde diplomatique September 2004

Ein Artikel aus Le Monde diplomatique, der mit der bisherigen Entwicklungspolitik scharf abrechnet. Sogge konstatiert, Entwicklungshilfe sei zu einem globalen, eigenständigen Wirtschaftsbereich geworden, bei dem es um Milliarden gehe. Dessen wichtigstes Produkt sei die permanente Produktion neuer Ideen für nicht-westliche Länder. Seine zweite These ist: die Entwicklungshilfe diene nicht der Armutsbekämpfung und Emanzipation, sondern in erster Linie der Durchsetzung der Ziele des Kalten Krieges. Die Argumente und Thesen von Sogge seien nicht gerade neu, aber in ihrer Zusammenstellung zeigen sie die Krise der Entwicklungshilfe noch mal in aller Deutlichkeit auf.

Barbara Kingsolver: The Bean Trees (Das Bohnenbaumglück), Pigs In Heaven (Siebengestirn), Animal Dreams (Die Pfauenschwestern), The Poisonwood Bible (Willkommen in Kilanga), Prodigal Summer (Im Land der Schmetterlinge)

Vorstellung der US-amerikanischen Autorin Barbara Kingsolver und ihrer Romane. Kingsolver ist Feministin, Umweltaktivistin, Mitglied der Friedensbewegung, studierte Biologie und lebte einige Jahre in Afrika. Ihre ersten beiden Romane The Bean Trees und Pigs In Heaven erzählen die Geschichte eines adoptierten Indianerkindes und über den Konflikt zwischen seiner Adoptivmutter und seinem Stamm, der um Rückkehr dieser Kinder kämpft. Ein weiterer Roman Kingsolvers, The Poisonwood Bible ist die Geschichte eines Baptistenpfarrers, der in den 1950er Jahren mit Frau und vier Töchtern als Missionar in den Kongo geht. Überzeugt von seinem missionarischen Auftrag nimmt er – im Gegensatz zu seiner Familie - die afrikanische Realität überhaupt nicht zur Kenntnis. Die Familie muß um ihr Überleben kämpfen, aber die Töchter lieben dieses Land … 

Frank McCourt: Die Asche meiner Mutter.

Ein irischer Roman über eine Kindheit in Irland in den 1920er bis 1940er Jahren – eine harte und extrem realistische Schilderung. Insbesondere die Sprache des Romans ist großartig. Auch wenn man den Film schon gesehen hat, es lohnt sich unbedingt, das Buch zu lesen!

Film: Evil (Original: Schweden 2003; deutscher Kinostart: 2004) 

Die Verfilmung des autobiographischen Romans Jan Guillous. Der Film ist das Portrait eines rebellischen Jugendlichen, der einen Weg sucht, wie er sich wehren kann gegen die körperlichen Mißhandlungen durch seinen Stiefvater und die psychische Gewalt seitens seiner Mitschüler im Internat. Der Film veranschaulicht eindringlich die Spirale von Angst, Demütigung, Gewalt und Gegengewalt sowie die Schwierigkeit, in einem gewalttätigen System nicht selbst gewalttätig zu werden.

Junge Kirche 4/2004 und Neue Wege 10/2004:

Zusammenfassung der aktuellen Ausgaben von Junge Kirche und Neue Wege. Die Junge Kirche erscheint seit kurzem auch in neuer – sehr ansprechender! – Aufmachung. Beide Zeitschriften widmen sich in den vorgestellten Ausgaben der Kritik des Neoliberalismus. Die Junge Kirche eröffnet mit einer Bibelarbeit von Bas Wielenga zur Erzählung vom verlorenen Sohn (Luk. 15, 11-32). Bas W. stellt heraus, in der Erzählung gehe es um die Entscheidung zwischen zwei verschiedenen Wirtschaftsformen und um die Analyse, wie Ökonomien funktionieren, in denen Menschen entwurzelt und mit ihrer Arbeit entwürdigt werden. Die Frage heute sei, was Kirche einer solchen Ökonomie – d. h. heute dem Neoliberalismus – entgegenhalten will und kann. Die Auseinandersetzung der christlichen Kirchen mit der Ideologie und Praxis des Neoliberalismus sowie die Möglichkeiten einer Ökonomie des Sabbats/ des Genug ist auch das Thema der anderen Artikel in den beiden Zeitschriften. Vorgestellt wurden besonders die Beiträge, die sich mit der Entstehung des Bekenntnisses von Accra beschäftigen, das eine eindeutige Zurückweisung des Neoliberalismus ist. 

Film: Olga Benario. Ein Leben für die Revolution. D 2004, von Galip Iyitanir

Ein Film über die deutsche Kommunistin Olga Benario. Das Fazit ist zwiespältig: Einerseits ist ein Film über Olga Benario und ihr beeindruckendes Leben zu begrüßen; anderseits ist die Machart und Tendenz des Films enttäuschend. Der Film besteht aus mehreren Ebenen: 1. historischen Originaldokumenten: Bilder, Filmeausschnitte und Textdokumente aus dem Leben von Olga Benario und ihrer Zeit, 2. aktuellen Dokumentaraufnahmen von den Orten, an denen O. Benario lebte, 3. nachgestellten Spielfilmszenen, 4. Interviews mit „Benario-Forschern“ und 5. treten ab und zu zwei brasilianische Bänkelsänger auf, die eine Ballade über O. Benarios Lebens vortragen. Der Film hat gerade auf der Ebene der Originaldokumente große und berührende Momente. Aber was ärgert, ist die Reduktion der Kommunistin O. Benario auf ihre Rolle als Frau und Mutter. Ihr politisches Anliegen, ihre Analysen der Verhältnisse werden abgeschnitten. Es wird ihr Mut, ihre Kraft, ihre Stärke gezeigt, aber nicht gesagt: warum sie kämpfte. Die individualisierte und persönliche Darstellung bringt einem zwar die Person nahe, aber sie droht mitunter in Banalisierung und Entpolitisierung abzugleiten. Fazit: vielleicht besser nicht gucken und sich lieber die Bücher zu ihr durchlesen.

Bücher zu Olga Benario:

- Fernando Morais: Das Leben einer mutigen Frau
- Fernando Morais: „Ich habe für das richtige Leben gekämpft …“
- Ruth Werner: Die Geschichte eines tapferen Lebens.
- William Wack: Die vergessene Revolution. Olga Benario und die deutsche Revolte in Rio.

Film: Vom Himmel hoch, der von dem Leben französischen Kleinbauern erzählt.

 

F. C. Delius vor: Mein Jahr als Mörder

Der Roman beschäftigt sich auf mehreren Ebenen mit dem Nationalsozialismus und dem Widerstand dagegen, den restaurativen Tendenzen in der bundesdeutschen Nachkriegszeit, den 68ern sowie mit der heutigen Perspektive darauf. Er verknüpft die verschiedenen Stränge und Zeiten und zeigt so ihren Zusammenhang. Fazit: Nur zu empfehlen! Eine wichtige Gegenlektüre zur gegenwärtigen Mediendiskussion über die RAF.

Schwerpunkt der Januar-Ausgabe von Le monde diplomatique: Thema Energie

Die Autoren thematisieren verschiedene Aspekte des Themas Energie: Quellen, Erzeugung, Verbrauch, neue Technologien zur umweltfreundlicheren Energieerzeugung und zum sparsamen Verbrauch, Zukunft des Öls. Dazu gibt es eine Menge an Statistiken und Graphiken. Die Kernaussage: Die Energiefrage ist kein technologisches Problem, sondern ein gesellschaftliches. Die Lösung liegt nicht (allein) in verbesserten Technologien zum Gewinnen von Energie und deren effizienteren Nutzung. Wir müssen uns fragen, wofür wir warum wieviel Energie verbrauchen (wollen). Das betrifft alle Bereiche: Produktionsweise (z. B. die energieintensive just in time production), Verkehr, private Nutzungsgewohnheiten etc.

Artikel von Mathias Greffrath aus der Zeit („Jeder kämpft für sich allein“) in: Die Zeit Nr. 2/ 2005, der drei Bücher vorstellt, die sich kritisch mit der Hartz IV-Reform und den gegenwärtigen Abbau des Sozialstaates auseinandersetzen. Albrecht Müller: Die Reformlüge. Vierzig Denkfehler, Mythen und Legenden, mit denen Politik und Wirtschaft Deutschland ruinieren; Droemer, 2004; 416 S., 19,90 €  Friedhelm Hengsbach: Das Reformspektakel. Warum der menschliche Faktor mehr Respekt verdient; Herder spektrum, 2004; 190 S., 9,90 €  Gabriele Gillen: Hartz IV – eine Abrechnung. Rowohlt, 2004; 254 S., 7,90 €

Die drei AutorInnen betonen, der gegenwärtige Sozialabbau gefährde neben seinen katastrophalen und entwürdigenden Auswirkungen für jeweiligen Betroffenen auch existentiell die demokratische politische Kultur in der BRD. Denn ohne die Grundsicherheiten wie einem „soziokulturellen Minimum, einem gesunden Leben, einer angemessenen Wohnung, Arbeit und Bildung sind Menschen nicht in der Lage, ihre Freiheitsrechte auszuüben.“ Die Verteidigung des Sozialstaates ist daher die Verteidigung der Demokratie. Die Politik jedoch habe genau diese ihre ureigenste Aufgabe aufgegeben: Hinter ihren Reformen steht ein Menschenbild, das nicht mehr die/ den mündige/n Bürger/in kennt, sondern nur noch Markteilnehmer/innen. Statt der Emanzipation und freien Entfaltung des Einzelnen geht es jetzt nur noch darum, wie wird der und die Einzelne „fit“ für den Markt gemacht. Der Einzelne muss sich anpassen: flexibel und mobil sein (verschwiegen wird jedoch, das dem jedoch zugleich die gegenwärtige Sozialpolitik entgegensteht, die wieder verstärkt die Familie als Solidarsystem in die Pflicht nimmt). Mit diesem Menschenbild liefert die Politik sich und die Gesellschaft der Logik des Marktes und des Geldes, der Tauschwertlogik aus. Hengsbach sieht diese gegenwärtigen Reformen als Teil eines schon länger währenden „Feldzuges“ einer „informellen Koalition“ wirtschaftlicher, publizistischer und politischer Eliten gegen des Sozialstaat, kurz: es stehen sich wieder oder immer noch Kapital und Arbeit gegenüber. Die Lösungsvorschläge der drei Autoren sind allerdings nicht sehr überzeugend. Ihre Stärke ist die mit großer Emotionalität und detaillierter Sachkenntnis betriebene Analyse.

Sabine Kebir. Helene Weigel. Abstieg in den Ruhm:

Helene-Weigel-Biographie von Sabine Kebir. Die Biographie ist gut recherchiert, mit sehr viel Material, es umfasst fast alle Aspekte. Die ‚eigentliche’ Biographie, d. h. die Darstellung jedoch ist eher mittelmäßig und bietet wenig Neues. Problematisch ist u.a. Kebirs abwertender und verurteilender Blick auf die politischen Verhältnisse in der DDR. Der verstellt ihr den Blick für das Verständnis, dass es erst die DDR und das Berliner Ensemble waren, die die Bühne für Weigels großartige Theaterarbeit boten. Abgesehen von solchen Misslichkeiten lässt sich gleichwohl allerhand entdecken in Kebirs Buch – vor allem zu Helene Weigels Schauspielkunst: der Einfluss der asiatische Spielweisen auf H. Weigel, H. Weigels Einfluss auf Brechts Dramatik, zur Arbeit mit den Verfremdungseffekten als Grundlage einer neuen Dramaturgie usw.

Bill Bryson: The Lost Continent

US-amerikanischer Reisebericht über eine Reise quer durch die Kleinstädte der USA, der ein ironisches Bild des uniformen Alltags in den USA zeichnet. Es liest sich sehr vergnüglich und ist als Urlaubs- und Entspannungslektüre zu empfehlen.

Interview mit Michael Cramer: „Springer soll sich zu Kirchenfrevel äußern. In: taz vom 25.1.2005, S. 23. Christopher Görlich: Die 68er in Berlin. Schauplätze und Ereignisse

Anlässlich der momentanen Diskussionen zur Umbenennung der Kochstraße in Rudi Dutschke Straße wurde über den Kirchen-Frevel des Axel Springer Verlages berichtet. Für den Bau des Axel Springer Hochhauses wurde 1961 die Jerusalem-Kirche gesprengt – die erste Sprengung einer nur wenig kriegszerstörten Kirche in Deutschland nach 1945! Die Architektur- und Kunsthistoriker protestierten seinerzeit heftig gegen den Abriss der Kirche: mit ihr werde eine der wenigen noch erhaltenen Schinkelkirchen zerstört. Schinkel hatte die Kirche 1838 umgebaut. Doch die Kirche musste weg, Springer bekam seinen Parkplatz und stiftete dafür den Glockenturm für die Neue Jerusalem-Kirche (in der sich heute das Kraemer Haus befindet); das lobte ein kleiner Kirchenführer eines westberliner Verlages.

Thomas Urban: Russische Schriftsteller im Berlin der zwanziger Jahre

Ein Buch über das russische Berlin der 1920er Jahre. Das Buch besteht aus Portraits russischer Schriftsteller, die in den 1920er Jahre im Exil in Berlin lebten. Der Autor T. Urban beschreibt deren Leben in Berlin: er stellt dar, warum sie nach Berlin kamen, wie sie hier lebten, welchen Zusammenhängen sie sich jeweils zuordneten. Die einzelnen Bilder ergeben zusammen ein Mosaik eines rauschhaften und fern aller ‚Normalität’ stehenden Lebens der russischen Emigranten, die in Berlin einen autonomen Kosmos bildeten: mit eigenen Läden, Verlagen, Gesetzen, eigener Kulturszene usw. Doch es war ein Leben im Zwischenstand. Mit der Währungsreform war es vorbei. Die meisten zogen entweder weiter nach Frankreich und in die USA oder kehrten zurück in die Sowjetunion.

Bastian Wielenga: Biblical Perspectives on Labour (1982)

Ein Buch mit Vorlesungen von Bas, Thema: Glaube und Arbeit. Bas verknüpft hier eine marxistische Analyse von Wirtschaft mit einer biblischen Perspektive auf Arbeit. Das Buch besteht aus zwei Teilen: 1. eine historisch Betrachtung von Arbeit mit Beispielen aus dem kapitalistischen Indien und 2. die Analyse, welche Rolle Arbeit in der Bibel hat.

Im 1. Teil bestimmt Bas als die zwei Grundmerkmale des Kapitalismus a) die Spaltung der Gesellschaft in zwei Klassen: die Besitzenden und die Ausgebeuteten, b) dass die Produktion auf Profit ausgerichtet ist: Zweck der Produktion ist Geldvermehrung – Marx beschreibt das als Geld-Ware-Geld’-Kreislauf. Wodurch zeichnet sich die Arbeit im Kapitalismus aus? Bas nennt drei Merkmale: a) die fortgeschrittene Arbeitsteilung und Taylorisierung, b) die Tatsache, dass die Bedingungen der Arbeit nicht (mehr) von den Arbeitenden selbst bestimmt werden, sondern von einer autonomen Managerschicht und c) die Trennung von Kopf- und Handarbeit. Unter den kapitalistischen Produktionsbedingungen werde so der menschlichen Arbeit ihr eigentliches Wesen genommen: Das Planen der Arbeit wird getrennt von der Ausführung, der Arbeitende wird zur Biene. Im 2. Teil setzt sich Bas in einem längeren Kapitel mit der Rolle der Kirche und des Glauben bei der Durchsetzung der neuen Produktionsverhältnisse, der kapitalistischen Ökonomie, auseinander. Dabei geht er u. a. den Unterschieden zwischen Luther und Calvin nach. Danach analysiert Bas die Auffassung von Arbeit und Wirtschaft im jüdischen und christlichen Glauben. Er macht klar, dass es hier zu einer radikalen Umwertung von Arbeit kommt. Im antiken Griechenland galt Arbeit für den freien Bürger als Schande; gearbeitet haben die Sklaven und Frauen. Diese Form der Arbeitsverteilung war für das Judentum unannehmbar, da gerade die Befreiung aus der Sklaverei zu ihrem Gründungsverständnis gehörte. Aber wenn es keine Sklaven geben darf, dann kann es auch keine Teilung der Gesellschaft geben in eine Klasse, die immer arbeiten muss, und in eine, die sich die Früchte dieser Arbeit aneignet. Es müssen alle arbeiten. Aber es sollen auch alle ausruhen und die Ergebnisse ihrer Arbeit genießen. Bei diesem Punkt verweilt Bas in seiner Analyse länger und macht den emanzipativen und revolutionären Charakter des jüdisch-christliches Verständnisses und Modells von Ökonomie und Arbeit klar: der freie Tag, der Sabbat, bedeute auch eine Begrenzung von Herrschaft von Menschen über Menschen.

Film: Die syrische Braut

Heiraten auf den Golanhöhen ist nicht ganz einfach – wenn die Familie der Braut im besetzten Palästina lebt und der Bräutigam in Syrien, aber die Braut keine gültigen Stempel im Pass hat; der Bruder der Braut eine Jüdin aus Russland heiratete, der Vater mit seiner russischen Schwiegertochter nicht reden will … Eine Familienkomödie, wie sich die ‚große Politik’ im Alltag der ‚kleinen Leute’ auswirkt. Man lacht und denkt dabei: „wie bitter …“

Film: Silentium 

Ein Krimi und eine bitterböse Kritik der katholischen Kirche aus Österreich

Film: Darwin's Nightmare (Darwins Alptraum)

Ein Dokumentarfilm über die sozialen und ökologischen Folgen der Globalisierung am Beispiel der Fischzucht im Victoriasee in Afrika

Die Korrektur von Inge und Heiner Müller auf der Studiobühne des Maxim Gorki Theaters

Die Inszenierung ist Teil der Reihe "Glaube II … und der Zukunft zugewandt … 40 Jahre DDR in Texten, Veranstaltungen und Kommentaren". Für jedes Jahr der DDR wird ein herausragendes Theaterstück, Buch oder anderes Ereignis inszeniert. Die Korrektur entstand 1957 als Hörspiel. Es beruht auf Tatsachenmaterial aus der Chemiefabrik "Schwarze Pumpe". Die Müllers hatten dafür vor Ort unter den Arbeitern recherchiert. Im Zentrum steht der Konflikt um Tricksereien bei der Normerfüllung, falsche Abrechnungen von Arbeitsleistungen und ein fehlerhaftes Fundament. Dahinter steht die Frage: Für wen und was arbeitet man? Das Hörspiel wurde kurz vor seiner Ausstrahlung verboten und es gab eine Reihe von Diskussionen auch mit den Arbeitern in "Schwarze Pumpe". 1958 wurde die überarbeitete Fassung als Theaterstück am Maxim Gorki Theater aufgeführt. In der Inszenierung in der "Glaube II-Reihe" wird nicht das Stück selbst aufgeführt, sondern eine Collage aus den beiden Textfassungen und den Protokollen der Diskussionen mit den Arbeitern. Dabei trat u. a. deutlich zu Tage, das ist eine ganz andere Auffassung von Theater als heute üblich. Es ist nicht einfach nur der Versuch, die Arbeitswelt zum Thema des Stücks zu machen. Die Arbeiterinnen und Arbeiter werden vielmehr als Subjekte und Adressaten schon in den Entstehungsprozess des Stückes einbezogen. Dahinter zeigt sich wiederum ein völlig anderes Verständnis von Arbeit als heute vorherrschend ist. Die Stärke der Inszenierung am Gorki Theater besteht nicht zuletzt darin, diese "Unzeitgemässheit" des Stückes weder zu ironisieren und als lächerliche Kuriosität vorzuführen noch sie zu historisieren. Sie wird als ein alternatives Verständnis von Arbeit und Wirtschaft vorgestellt, die es zu diskutieren lohnt.

 

zuletzt bearbeitet: 19.04.2008