entstand aus dem Bedürfnis, andere an Gelesenem
teilhaben zu lassen und sich darüber auszutauschen.
Wir treffen uns jeden 3. Montag im Monat um 19.30 Uhr im
HKH.
Jede(r), der/die möchte, kann ca. 10 Minuten ein
Buch, einen Artikel, einen Film vorstellen, daran
anschließend diskutieren wir noch einmal 10 Minuten
darüber.
Einige vorgestellte Werke in bunter
Folge
Rona hatte sich durch das umfängliche Impulspapier
des Rates der EKD zum Zukunftskongress im Januar 2007:
"Kirche der Freiheit – Perspektiven für die
evangelische Kirche im 21. Jahrhundert" gearbeitet.
Gemeinsam mit einem kleinen ökumenischen Zirkel hat
sie ihre Kritik an dem Impulspapier in einem Offenen Brief
an Bischof Huber geschrieben.
In knappen Stichpunkten zusammengefasst, ist ihre
Kritik:
1) Das Impulspapier betone viel zu wenig den
ökumenischen Gedanken.
2) Kirche wird Dienstleistungsunternehmen ausgerichtet
und damit einer ökonomischen Logik unterworfen. Das
äußere sich schon in der Ökonomisierung
der Sprache des Impulspapiers.
3) In dem Impulspapier und der Perspektivkommission
kommen diejenigen vor, die im Jahr 2030 die Kirche
gestalten werden, und ihre Sichtweisen kaum vor. 4) Das
Impulspapier beziehe Zukunft der Kirche vorrangig auf den
Erhalt der Institution Kirche. Sie vermissen eine
theologische Fundierung der Reformansätze.
Eric T. Hansen: „Planet Germany - Eine Expedition
in die Heimat des Hawaii-Toasts“. Frankfurt a. M.
2006.
Zum Abschluss zog Rona noch ein Büchlein aus der
Tasche: Den heiteren Bericht von einer Reise durch die
hiesigen Eigen- und Unsinnigkeiten.
Der Autor, Eric T. Hansen, war einen Mormonenmissionar
aus Hawaii, der vor rund zwanzig Jahren nach Deutschland
kam, hier aus die Mormonen verließ und lieber als
Journalist und Autor seine Brötchen verdient. In
Planet Germany greift er verschiedene Klischees und
Vorurteile über Deutschland und die Deutschen auf
und vergleicht sie mit seinen Erfahrungen in
Deutschland.
Rona hatte das Buch ihrem Freund zu Weihnachten
geschenkt, es ihm vorgelesen und dann gleich wieder
mitgenommen – um es bei den Lesefrüchten
vorzustellen. Als Kostprobe las Rona das Kapitel Kult um
tote Dichter vor – alle verehren sie, die Parteien
tun sogar, als seien sie jeweils ihre Ehrenvorsitzenden,
aber keiner liest sie (das beklagte allerdings auch schon
der Zeitgenosse von Goethes Jugendjahren Lessing:
„Wer wird nicht einen Klopstock loben? Doch wird
ihn jeder lesen? – Nein. Wir wollen weniger erhoben
und fleißiger gelesen sein“)
Thomas lobte Alexander Ikonnikows Taigablues bis
über den Grünen Klee und las zum Schluss eine
Geschichte aus dem Buch vor.
Ikonnikow lebt in der russischen Provinz. Taigablues
ist sein erstes Buch. Es ist eine Sammlung von
Geschichten aus dem russischen Alltag – von
sowjetischen Zeiten bis heute. Es sind kurze
Momentaufnahmen aus dem Leben einzelner Personen, die
zusammen wie ein Mosaik ein Bild vom Leben in Russland
ergeben. Sie sind zum größten Teil in einem
heiteren, leichten Ton geschrieben, mit Sympathie
für die Leute, von denen erzählt wird. Es
scheint – mit westlichen Augen gesehen – eine
Sammlung von skurrilen Leuten und grotesken und absurden
Begebenheiten – wie Satire. Doch wohlmöglich
ist das russische Leben so. Und bei aller Heiterkeit der
Schilderung, so heiter lebt es sich nicht (mehr): In fast
allen Geschichten wird von exzessivem Alkoholkonsum
erzählt, von Korruption und Willkür, von
Gammelei und von Gewalt untereinander.
Constanze resümierte die Rede
des Ratzinger-Papstes im September 2006 und die Antwort von
38 muslimischen Theologen darauf, die dem Papst am 12.
Oktober mit einem Offenen Brief (im Internet in mehreren
Sprachen veröffentlicht) antworteten.
Das Grundthema des Papstes in seiner Rede ist die
Frage, wie lässt sich die Vernunft (wieder) in die
Religion zurückholen. Ratzinger entwirft dabei das
Bild einer ursprünglichen Einheit von Vernunft und
christlichem Glauben. Dieser stellt er mit dem antiken
Kaiser-Zitat den Islam als unvernünftige Religion
gegenüber, da sie gewalttätig sei. Damit
erweist sich die Rede als Teil des Versuchs, das 21.
Jahrhundert als christliches zu behaupten und quasi eine
Art "Einheitsfront" der christlichen Konfessionen zu
begründen. Die islamischen Theologen
zerpflücken in ihrer Antwort Schritt für
Schritt Ratzingers Argumente und Belege. Sie weisen in
philologischer Kleinarbeit nach, wo und wie er
schluderte: Statt, wie Ratzinger behauptete, mit Blut und
Schwert den Glauben zu verbreiten, verbiete der Islam die
gewaltsame Missionierung, es gebe keine
Zwangsbekehrungen, das von Ratzinger gezeichnete
Gottesbild des Islams sei falsch usw. Die Kritik der
Autoren des Offenen Briefes an Ratzingers Rede greife
aber, so Constanze, zu kurz, da sie darauf
beschränkt ist, die sachlichen Fehler zu widerlegen,
aber nicht auf die Grundintention Ratzingers
eingeht.
Friedericke wies zuerst hin auf das von Klaus Heidel und
Thomas Posern herausgegebene Jahrbuch Gerechtigkeit II:
Reichtum, Macht, Gewalt. Sicherheit in Zeiten der
Globalisierung, das vor kurzem erschienen ist.
Als zweites stellte uns Friedericke die Broschüre
von Kairos Europa vor: Wirtschaft(en) im Dienst des
Lebens.
Wie geht es weiter nach den ökumenischen
Vollversammlungen? Eine praktische, handliche
Broschüre, die im ersten Teil Analysen und
Überlegungen zu den Ergebnissen der
Vollversammlungen enthält und im zweiten Teil einen
Anhang mit Dokumenten. Hier findet man noch mal (in
deutscher Übersetzung) eine Reihe der zentralen
Erklärungen und Texte.
Giselher berichtete von dem Dokumentarfilm
"Abgetaucht",
in dem drei Illegale in Deutschland porträtiert
werden, dazu gibt es in dem Film Interviews mit Akteuren
der Illegalenarbeit. Der Film wurde bei einer
Veranstaltung des Instituts für Menschenrechte
gezeigt. Demnächst kann man sich den Film auf ARD
anschauen. Nach dem Film gab es eine Podiumsdiskussion,
an der u. a. eine Vertreterin der medizinischen
Flüchtlingshilfe teilnahm. Giselher nahm deren
Broschüre zu ihrer Arbeit mit und stellte sie vor.
Es ist eine ganz anschauliche Geschichte eines linken
Projektes, das in den 1980er in Westberlin begann und
sich bis heute erfolgreich behauptet. Am Anfang gab es u.
a. starke Bedenken, ein Zentrum einzurichten, wo in der
Illegalität Lebende medizinische Versorgung
erhalten. Man hatte Angst, eines Tages steht die Polizei
vor der Tür und das Zentrum wird zur Falle. Deshalb
wählte man als Ort den Mehringhof mit seinen
unzähligen Ausgängen. Erstaunlicherweise kam es
allerdings kaum zu Behelligungen durch Polizei und Staat.
Im Gegenteil: Die medizinische Flüchtlingshilfe wird
mittlerweile von staatlicher Seite als Vorzeigeprojekt
gelobt. Weiter reicht die
‚Unterstützung’ allerdings nicht. Und an
dem Skandal, daß für die in die
Illegalität gedrängten Menschen das Grundrecht
auf medizinische Versorgung nicht gilt, änderte sich
leider auch noch nichts.
Giselher stellte Tariq Alis "Fundamentalismus" im Kampf
um die Weltordnung vor (in der Bibliothek des
Kraemer-Hauses gibt es auch ein Exemplar).
Das englische Original erschien 2002. Der
Originaltitel "The clash of fundamentalism" verdeutlicht,
dass es Ali auch um eine Kritik von Huntingtons These vom
clash der Kulturen geht. Tariq Ali wurde 1943 im
späteren Pakistan geboren, seine Eltern waren
Gutsbesitzer, viele aus seiner Familie engagierten sich
politisch. Er lebt heute in England. Um den Vorwurf, der
Islam sei qua seiner Religion fundamentalistisch, zu
entkräften, schreibt Ali eine politische Geschichte
des Islams: die Entstehung des islamischen Weltreichs,
der Islam während der englischen Kolonialherrschaft,
die Gründung von Pakistan, Afghanistan usw. und als
Epilog die Geschichte des Islam in Indonesien. Anhand der
konkreten politischen Ereignisse und Entwicklungen zeigt
Ali, wie sich die jeweiligen Fundamentalismen auf
politische Konstellationen und Interessen
zurückführen lassen – und nicht, wie
häufig angenommen, in der islamischen Religion
begründet sind. Den Fundamentalismen in islamischen
Gesellschaften stellt Ali den Fundamentalismus der USA
gegenüber. Sie vergleichend, kommt Ali zu dem
Ergebnis, dass der in der politischen Geschichte der USA
und im Kapitalismus verwurzelte Fundamentalismus die
derzeit aggressivste Form des Fundamentalismus ist.
Friederike empfahl Fernando Savaters "Die zehn Gebote im
21. Jahrhundert" (bei Wagenbach erschienen) als angenehme
Lektüre:
Ein heiterer Plauderton (das Buch beruht auch auf
einer Sendung des spanischen Fernsehens) und auf
geistvoll-witzig Art erzählt. Savater ist 1947 im
Baskenland geboren und lehrt Philosophie. Er ist kein
Theologe. Er fragt gewissermaßen als Philosoph und
politisch interessierter und engagierter Christ nach der
Bedeutung der zehn Gebote in der heutigen Zeit für
uns. Er geht Gebot für Gebot durch. Am Anfang steht
jeweils eine kurze Bestimmung der historischen
Gründe und Motivationen für die Gebote und die
Frage, ob und was sich darauf für heute gewinnen
lässt. Seine Antworten sind keine dogmatischen oder
theologischen Erklärungen, sondern
Überlegungen, die, so Friederike, voller Anregungen
sind.
Steffi stellte ein neues Buch von Gillian Slovo vor: The
Betrayal.
Wie immer spannend und fesselnd zu lesen. Der Roman
spielt im Südafrika während der Apartheid.
Constanze berichtete von zwei Ausstellungen:
Ägyptens versunkene Schätze im Martin Gropius Bau
(noch bis 4. September):
in der Ausstellung werden erstmalig die antiken
Fundstücke, die vor der Küste Alexandrias
gefunden wurden, präsentiert, darunter riesige
Götterstatuen. Und sie zeigen vor allem auch, wie
die Stücke gefunden, ‚ausgraben’ und
konserviert werden. Constanzes Urteil: angucken! Die
zweite Ausstellung ist: 150 Jahre Freud im Jüdischen
Museum. Das Glanzstück der Ausstellung: eine
nachgebaute (oder vielleicht sogar gebackene?!)
metergroße Torte aus Zuckerguß, auf der Freuds
Lebensweg dargestellt ist. Das Original hatte Freud zu
seinem 80. Geburtstag geschenkt bekommen.
Thomas stellt Sonja Margolinas "Wodka" vor, eine
Kulturgeschichte des Wodkas in Russland bzw. seiner
desaströsen Auswirkungen auf die russische
Gesellschaft.
Margolina ist in der Sowjetunion aufgewachsen, lebt
heute in Berlin und arbeitet als Publizistin für
verschiedene deutschsprachige Zeitungen und
Zeitschriften. An unzähligen historischen Beispielen
zeigt Margolina, wie der russische Staat aus finanziellem
Interesse die gesundheitliche und moralische Ruinierung
seiner Bürger und Bürgerinnen in Kauf nimmt: in
Spitzenzeiten beruhte der Staatshaushalt zur Hälfte
auf den Wodkaeinnahmen – sowohl zu zaristischen als
auch zu sowjetischen Zeiten. Anfänglich wurde der
Alkoholkonsum sogar staatlich initiiert und
gefördert. Das Muster läßt sich für
andere Drogen auch andernorts finden, so verbot entgegen
der entsprechenden EU-Richtlinie der deutsche Staat immer
noch nicht Zigarettenwerbung vollständig – aus
Sorge um Steuereinnahmen und Arbeitsplätze in der
Werbeindustrie.
Romane und Erzählungen von Kerstin
Hensel:
Vor allem in ihren beiden
Erzählbänden beschreibt Hensel Heimat –
jedoch nicht als heimelige Idylle, sondern als
unvollendete Heimat im Sinne des letzten Satzes aus
Blochs "Das Prinzip Hoffnung": Sehnsucht nach
Glück, nach einem erfüllten Leben, nach einer
Gemeinschaft, die ein nicht-entfremdetes Dasein
ermöglicht, in der der Einzelne ganz sein kann.
Hensels Geschichten sind ein ganz genaues
Erzählen, das aufs Detail geht und sprachlich tief
in der jeweiligen Region verwurzelt – aber ohne
Dialekt-Geklingel zu sein. Die Geschichten
erzählen von einem Einst – das sowohl die
Vergangenheit enthält als auch die Hoffnung und
Sehnsucht auf ein Kommendes.
Kerstin Hensel: Gipshut (Roman)
Kerstin Hensel: Neunerlei (Erzählungen)
Kerstin Hensel: Im Spinnhaus (Roman, der aus einzelnen
Erzählungen zusammengesetzt ist. Ihr bislang
bestes Buch.
Kerstin Hensel: Falscher Hase (Roman)
José Saramagos Roman "Das Zentrum":
In dem Roman wird am Beispiel des
portugiesischen Töpfers Cipriano Algor und seiner
Familie beschrieben, wie ein großes
Einkaufszentrum die alte, traditionelle Lebenswelt und
ihre sozialen und ökonomischen Strukturen
zerstört. Das Einkaufszentrum untergräbt mit
seiner neoliberalen Logik die Grundlagen der Existenz
Cipriano Algors und drückt seinen Lebensraum immer
mehr zusammen.
Ergebnisse eines Vortrages über die
Zerstörung der lokalen Geflügelproduktion in
Kamerun (auf einer Attac-Tagung):
Der Export gefrorenen
Hühnerfleischs aus Europa in afrikanische
Länder zerstört dort – durch
Dumpingpreise – die heimische
Geflügelproduktion und die dahinterstehenden
Produktionsketten (Maisanbau etc.). Und die
Überschwemmung mit gefrorenen Hühnern aus
Europa zerstört nicht nur die lokale Ökonomie
und gefährdet die Gesundheit der Leute, sondern
auch die lokale Kultur und Tradition, in der u. a. das
Huhn eine wichtige Rolle spielt. Gegen den
unbeschränkten Import des europäischen
Hühnerfleisches formierte sich erfolgreich eine
Kampagne: sie erreichte a) die Bevölkerung, die
verstärkt wieder einheimisches Hühnerfleisch
kaufte, und b) die Politik, die die Einfuhrzölle
auf Hühnerfleischimporte wieder
einführte.
"Fair Future. Begrenzte Ressourcen und
globale Gerechtigkeit":
Eine sehr bildhafte Darstellung der
Globalisierung und ihrer Auswirkungen.
Wolfgang Sachs’ Buch "Wie im Westen so
auf Erden":
Sachs hinterfragt zentrale Begriffe der
Entwicklungspolitik .
Die us-amerikanische Krimiautorin Dana
Stabenow:
Einige ihrer Bücher spielen in
Alaska und thematisieren das Leben der dortigen
Inuit-Indianer zwischen Zerstörung ihrer
traditionellen Kultur und Lebensweise, den Verlockungen
und Folgen der modernen Zivilisation und der Suche nach
einer eigenen Identität, die an die traditionelle
Kultur anknüpft.
Alfredo Bauer, Kritische Geschichte der
Juden, Band I, Neue Impulse Verlag, 2005:
Des Autor These ist, das die
ökonomische Situation der jüdischen
Bevölkerung ein Schlüssel zum
Verständnis ihrer Geschichte sei. Band I spannt
den Bogen vom babylonischen Exil bis ins 19.
Jahrhundert. Das Fehlen von Grundbesitz ist durchgehend
Merkmal der den Juden auferlegten Lebensbedingungen,
Akkumulation spielte sich folglich nur im Bereich des
mobilen Kapitals ab, also Handel und Geldwirtschaft.
Konflikte entstanden z.B. dann, wenn christliche
Bevölkerungsschichten in diesen Bereichen
Konkurrenz auszuschalten suchten. Es ist anregend, die
Tragfähigkeit eines solchen Grundmusters durch die
Geschichte hindurch zu buchstabieren.
Wolfram von Eschenbach, Willehalm, Walter de
Gruyter-Verlag 2003:
Es ist ein Epos, in dem der Dichter des
12./13. Jahrhunderts Zeitgeschichte und
zeitgenössische Fragestellung reflektiert:
Kreuzzugsideologie und Minne-Ethos. Beides steht, nach
Ulrikes Empfinden, ziemlich unvermittelt nebeneinander.
Daraus resultiert der zentrale Konflikt der
Erzählung. Unklar ist, ob die Dichtung Fragment
geblieben ist. Ihre Größe beruht jedenfalls
auch darauf, dass der Widerspruch unaufgelöst
bleibt.
Das schmale Büchlein enthält
18 fingierte Briefe, 1932-34 zwischen einem Juden in
den USA und einem Deutschen, beginnend mit inniger
Freundschaft, dann opfert Schritt für Schritt der
Deutsche die Beziehung seiner NS-Karriere. Der
US-Freund rächt sich, indem er die Korrespondenz
einseitig intensiviert und den Nazi damit ins Verderben
stürzt. 1938 in den USA mit großen Erfolg
mehrmals gedruckt, aber bald vergessen, zumal der
politische und künstlerische Gehalt zweifelhaft
ist. 1995 in mehreren Auflagen neu erschienen, 2000
auch ins Deutsche übersetzt; erzielte hier bis
2004 neun Auflagen. Warum hat gegenwärtig diese
Art Literatur solche Konjunktur?
Film "Crash", USA:
Es ist ein Film über Gewalt, ohne
exzessiv Gewalt darzustellen. Die Grundaussage: Angst
vor Gewalt beherrscht die Stadt.
Film: "Höhle des gelben Hundes",
Mongolei:
In breit beschreibenden, ruhigen und
Ruhe ausstrahlenden Bildern wird das Hirtenleben in der
Mongolei der Gegenwart dargestellt.
Biographie über die preußische
Königin Luise, die als Kronprinzessin in der ersten
Zeit ihrer Ehe ein eher bürgerliches Leben auf dem Gut
in Paretz führte. Ein paar Kilometer nördlich von
Potsdam gelegen empfiehlt sich der Ort mit dem Schloss
immer noch als reizvolles Ausflugsziel – und auch
Hochzeitsort.
Die Biographie "Königing Luise.
Leben und Legenden" schrieb Luise Schorn-Hütte und
sie ist unterteilt in drei Kapitel und eine Einleitung.
Die Autorin bettet die Biographie Luises in den
politisch-historischen Kontext ein. Am Anfang steht die
Kindheit und Jugend sowie die Zeit als Kronprinzessin.
Detailliert zeichnet Schorn-Hütte nach, wie der
bürgerliche und einfache Lebensstil des
königlichen Paares in dieser Phase und ihre
Orientierung an einem romantisch-bürgerlichen
Lebens- und Eheideal die Grundlage lieferte für
die späteren Legenden. Das zweite Kapitel widmet
sich der Regierungszeit und dem Einfluß von Luise
hinter den Kulissen auf die Politik. Sie
unterstützte entschieden die Reformfraktion in
Preußen (von Hardenberg, von Stein usw). Die hohe
Übereinstimmung ihres Werte- und Tugendkanons, wie
er schon im Leben auf Paretz sichtbar wurde, mit dem
bürgerlich-preußischen sicherte ihr auch die
Zustimmung des bürgerlichen Lagers in
Preußen. Was nicht zuletzt wesentlich zur
Stabilität der Regierung ihres Mannes beitrug. Im
dritten Kapitel geht Schorn-Hütte der schon rasch
nach Luises Tode einsetzenden Legendenbildung nach, die
zu allen Jubiläen immer wieder neue Impulse
erhielt.
Uwe Müllers „Supergau Deutsche
Einheit“ (Rowohlt Berlin 2005):
Im Jahr 15 der Deutschen Einheit stellt
Uwe Müller, Journalist der Tageszeitung „Die
Welt“ die Diagnose: Die Wiedervereinigung ist
ökonomisch gescheitert. Das Bild des Ostens in der
Öffentlichkeit ist geprägt vom Abriß
ganzer Stadtviertel, von andauernder Abwanderung, der
Verödung und Vergreisung von Regionen. Trotz
finanzieller Unterstützung in dreistelliger
Milliardenhöhe schafften die neuen
Bundesländer seit 1990 nicht den Anschluss an den
Westen. Mit dem Wegfall der Ost-Subventionen falle der
Osten ins ökonomische und finanzielle Nichts. Und
der Absturz Ost drohe, den Westen mitzureißen.
Müller fordert daher einen radikalen Neubeginn:
Ostdeutschland brauche eigene Sonderregeln –
nicht Geld aus dem Westen. Nur so könne es sich
aus der finanziellen Abhängigkeit befreien und zu
einem wirtschaftlichen Aufschwung kommen. Die Zukunft
Ostdeutschlands liege in einer Sonderwirtschaftszone.
Was Müller an Zahlen und Fakten
zusammenträgt, ist sicher richtig. Aber sie sind
nicht neu und die Auswahl ist willkürlich und
einseitig. Das Buch ist reißerisch und auf den
Skandal aus (man merkt, es ist für die Zeitung
geschrieben). Das Buch ist geprägt von einem
hektischen Gegenwartsblick, der momentane Trends in die
Zukunft verlängert. Und für die Vergangenheit
werden politische Handlungsspielräume unterstellt,
die es nicht gab. Daß Hauptmanko liegt jedoch im
Fehlen der Analyse. Müller trägt mit der
Ausdauer einer tibetanischen Gebetsmühle seine
Symptombeschreibung vor. Aber er fragt nicht: wer davon
profitierte, daß der Beitritt und der Prozess in
den letzten Jahren ökonomisch und finanzpolitisch
so verlief, wie er gelaufen ist. Zum Buch gab es
hauptsächlich eine kleine Lesung – und zwar
der Auszüge, in denen der Osten als exotisches
Ausflugsgebiet für westliche Touristen imaginiert
wird. Der Osten wird hier zum wilden,
jungfräulichen Dschungel, in dem man unverhofft
doch noch auf Eingeborene trifft. Das ist ein ungemein
skurriler, verfremdender und ironischer Blick auf die
Wahrnehmung des Ostens, auf das Bild von ihm, dass in
der Öffentlichkeit gängig war (bzw. ist).
Rafik Schami vor: "Die dunkle Seite der
Liebe":
Schami läßt anhand der
Geschichte zweier verfeindeter Familien 100 Jahre
syrische Geschichte Revue passieren. Es ist ein
„bunter, aufregender Teppich einer
Landesgeschichte“ – mit vermutlich vielen
autobiographischen Elementen. Ein Roman mit unglaublich
vielen Facetten und thematischen Dimensionen. Der Autor
führt seinen Leserinnen und Leser u. a.
eindringlich die patriarchalischen Verhältnisse
und Gewalt der arabisch-islamischen Gesellschaft in
Syrien vor Augen. Auch in die Geschichte der
kommunistischen Partei Syriens werden wir Leser und
Leserinnen eingeführt. Aber das Hauptthema ist,
der Titel sagt es schon, die Liebe. Nirgends sei sie
feuriger, intensiver, poetischer, nach Jasmin duftender
und tödlicher als in Syrien. Das Manko des Romans:
er bleibt statisch. Es ist ein rein deskriptives
Erzählen. Die Widersprüche entfalten keine
Dynamik. Liegt es am Gegenstand des Erzählens
– die syrische Gesellschaft – oder am
Erzählen selbst?
Die unvollendete Autobiographie von
Günter Gaus "Widersprüche":
Gaus (Jahrgang 1929) beginnt mit der
ausführlichen Schilderung seiner Kindheit und
Jugend in der NS-Zeit und im Krieg und endet mit dem
Jahr 1973. Mit der Schilderung des ersten
Vierteljahrhunderts der BRD gibt Gaus, so Giselher,
eine ungemein erhellende Charakterisierung der
bundesdeutschen Mentalität. Gaus’ Credo ist
eine Politik der Mäßigung, ein Ethos des
Mäßigenden. Er plädiert dafür,
nicht den maßlosen Ikarus mit seinem
himmelstrebenden Heroismus als Vorbild zu nehmen,
sondern Dädalus, der sich mit einer dem Menschen
bekömmlichen Bahn bescheidet. Auch Anpassung ist
ein Menschenrecht – für die Schwachen.
Dahinter steht die Frage: Was ist das zuträgliche
Maß für den Menschen? Für Gaus ist der
schwache, darbende Mensch das Maß allen
politischen Handelns. Man solle nicht zu viel vom
Menschen verlangen, ihn nicht überfordern. Was wir
uns fragten: Wo geht die Politik der Mäßigung
über in eine Politik, die den Menschen nicht ernst
nimmt in seinen Möglichkeiten, die den Einzelnen
ohne Herausforderungen der bequemen Hinnahme der
Verhältnisse als unveränderbar
überlässt? Und muss Mäßigung nicht
für die verschiedenen gesellschaftlichen Felder
(Wirtschaft, Arbeit, Technik, Politik etc.)
unterschiedlich buchstabiert werden?
Hinweis auf zwei Bücher zur
politischen Ökonomie:
- Ton Veerkamp: Der Gott der Liberalen.
- John Bellamy Foster: Marx’s Ecologycal
Materialism.
Grundthese: man versteht Marx nicht,
wenn man nicht erkennt, dass Marx’ Ansatz ein
ökologischer ist.
J. M. Coetzee: Schande
Ein Roman des südafrikanischen
Literaturnobelpreisträgers J. M. Coetzee, der sich
mit den Folgen der Apartheid beschäftigt; im
Zentrum steht u. a. die Frage der Gewalt und inwiefern
sie aufgrund der Geschichte Südafrikas zu
rechtfertigen ist.
Geiko Müller-Fahrenholz: In
göttlicher Mission - Politik im Namen des Herrn -
Warum George W. Bush die Welt erlösen will, mit einem
Vorwort von Eugen Drewermann (2003)
Ein Buch über den religiösen
Hintergrund der Politik G. W. Bushs. Der vor allem aus
den Kreisen der christlichen Rechten kommende
religiöse (d. h. in diesem Fall: christliche)
Fundamentalismus und sein Einfluss auf die Politik der
Regierung der USA werde, so eine der Thesen des Buches,
weitgehend unterschätzt, obwohl es sich um ein
sehr große Bewegung handle.
Slavoj Žižek: Die Revolution
steht bevor. Dreizehn Versuche über Lenin. (2002)
Eine Essay-Sammlung des slowenischen
Philosophen Slavoj Žižek, der aus der
Perspektive Lenins fragt, wie eine linke Politik heute
aussehen kann. Er, Žižek, wolle deshalb mit
den Augen Lenins auf die gegenwärtigen Probleme
schauen, weil für ihn die Situation Ende der
1990er Jahre viele Gemeinsamkeiten mit der Situation
der sozialistischen Parteien 1914 aufweise. Dabei gibt
Žižek weniger Antworten, er hinterfragt
vielmehr sehr polemisch linke Positionen und
Gewissheiten.
Folgende Filme wurden als sehenswert
empfohlen:
Warten auf das Glück
Die Geschichte vom weinenden Kamel
Feel like going home
Ulrich van der Heyden / Joachim Zeller
(Hrsg.): Kolonial-Metropole Berlin. Eine Spurensuche.
Berlin 2003:
Ein Buch über die 'Spuren' des
deutschen Kolonialismus in Berlin vor: Welche
Organisationen und Institutionen gab es? Wo saßen
sie? Was war ihre Geschichte? Welche Personen hatten
welche Funktionen? etc. Der behandelte Zeitrahmen
reicht von den Anfängen des Kaiserreichs bis zum
Ende des Zweiten Weltkriegs. Der Schwerpunkt liegt auf
der politischen und der Sozialgeschichte. Es ist ein
Sammelband, der populär geschrieben und wie ein
Lexikon nutzbar ist.
Domenico Losurdo: Lenin, die
Herrenvolk-democrazy und das Schwarzbuch des
Kommunismus. In: Topos, Heft 22
(2004): Lenin (steht in der Bibliothek des
HKH).
Ein Artikel über Lenin und seine
Kritik der „Herrenvolk-Demokratie“. Der
Autor ist ein italienischer marxistischer Philosoph. In
dem Aufsatz bestimmt Losurdo zuerst die historischen
Wurzeln der Herrenvolk-Ideologie und geht danach auf
Lenins Kritik daran ein. Besonders aufschlussreich ist,
dass ein großer Teil des NS-Vokabulars und viele
Elemente der NS-Ideologie schon vor der
Jahrhundertwende im Rahmen des ‚Konzepts’
der Herrenvolk-democrazy auftauchen: „niedrige
Rasse“ „KZ“, „Holocaust“,
„Ausrottung“, „Deportation“
usw. – all diese Begriffe sind in der
US-amerikanischen und englischen Öffentlichkeit
der Jahrhundertwende schon präsent und weitgehend
akzeptiert. Lenin kritisiere u. a., dass auch die
deutsche Sozialdemokratie nicht frei sei von diesem
Rassismus und die (westlichen) Europäer als die
„höherstehenden zivilisierten“
Völker ansehe.
Barbara Honigmann: Ein Kapitel aus meinem
Leben. (Hanser-Verlag München)
Ein Buch der (ehemals) ostdeutschen und
jüdischen Publizistin Barbara Honigmann. In dem
Buch geht es hauptsächlich um das Leben ihrer
Mutter - ein Leben an vielen Orten, mit vielen
Männern, sehr intellektuell, sehr schillernd. Die
Mutter kommt aus einem großbürgerlichen,
jüdischen Elternhaus in Wien. Sie lebt lange in
Frankreich und England. Nach dem Zweiten Weltkrieg geht
sie mit ihrem Mann in die nach Berlin, in die DDR, wo
sie in einer Villa in Karlshorst wohnen. Die Welt der
jüdischen kommunistischen Remigranten muss in der
DDR ein Kosmos für sich gewesen sein: häufig
mit (groß-)bürgerlichem Familienhintergrund,
sehr intellektuell, mehrsprachig, mit der Erfahrung
eines gelebten Europäertums. Das rieb sich
mitunter am Denken und Verhalten der
Parteifunktionäre, die eher aus der
Arbeitertradition kamen.
Arundhati Roy: Public power in the age of
Empire
Der Artikel ist die schriftliche Fassung
eines Vortrages, den Roy im August 2004 in San
Francisco hielt. Ihr Ausgangspunkt ist die Frage,
inwieweit die öffentliche Sprache/ die Sprache in
der Öffentlichkeit überhaupt noch das
bezeichnet, was sie vorgibt zu bezeichnen: Was ist
gemeint, wenn von Demokratie gesprochen wird? Was ist
gemeint, wenn US-amerikanische Politiker von Freiheit
reden? Roy konstatiert: die Begriffe, mit denen wir
für Emanzipation usw. kämpfen, sind besetzt
und inhaltlich ungedreht worden. An mehreren Beispielen
geht Roy durch, wie und an welchen historischen Punkten
diese Umdeutungen erfolgten. Im Anschluss daran fragt
Roy, welche Rolle Öffentlichkeit in der Zeit des
Imperiums spielt, welche Macht sie habe, wo und wie im
Zeitalter der Globalisierung Widerstand möglich
ist, und wie dieser sich vor den Gefahren der
Vereinnahmung schützen kann. Die Grundbedingung
ist: der Widerstand muss von unten, vom Volk ausgehen.
Drei Gefahren hebt Roy dabei hervor:
1) Die Rolle der Massenmedien: die Medien berichten nur
über die großen, spektakulären
Ereignisse. Der alltägliche Kampf dagegen komme
nicht vor.
2) Die Tendenz der NOG-isierung. Diese bringe den
Widerstand in die Abhängigkeit von großen
Geldgebern (Staat, Konzernen, Stiftungen). Und sie
verfestige den Opferstatus, da dieser die
Legitimationsbasis der NGOs sei.
3) Die direkte Unterdrückung von Bewegungen.
Fernando Enns u. a.: Seeking Cultures of
Peace. A Pease Church Conversation. Telford (PA) 2004:
Ein von der Friedenskirche
herausgegebenes Buch. Es knüpft an die Frage nach
einer neuen analytischen und widerständigen
Begrifflichkeit an. Das Buch setzt sich mit der These
von Hardt und Negri (The Empire) auseinander: mit der
Transformation zum Imperium, so Hardt und Negri, sei
die (öffentliche) Macht unsichtbar geworden und
löse sich dessen sichtbaren Strukturen auf. Die
Frage ist, gegen wen könne die traditionelle
christliche Friedensbewegung dann noch ihren Protest
richten? Wo müssen sie ansetzen?
David Sogge: Der unselige Zustand des
Gebens und Nehmens. Entwicklungshilfe in der Krise. In: Le
Monde diplomatique September 2004
Ein Artikel aus Le Monde diplomatique,
der mit der bisherigen Entwicklungspolitik scharf
abrechnet. Sogge konstatiert, Entwicklungshilfe sei zu
einem globalen, eigenständigen Wirtschaftsbereich
geworden, bei dem es um Milliarden gehe. Dessen
wichtigstes Produkt sei die permanente Produktion neuer
Ideen für nicht-westliche Länder. Seine
zweite These ist: die Entwicklungshilfe diene nicht der
Armutsbekämpfung und Emanzipation, sondern in
erster Linie der Durchsetzung der Ziele des Kalten
Krieges. Die Argumente und Thesen von Sogge seien nicht
gerade neu, aber in ihrer Zusammenstellung zeigen sie
die Krise der Entwicklungshilfe noch mal in aller
Deutlichkeit auf.
Barbara Kingsolver: The Bean Trees (Das
Bohnenbaumglück), Pigs In Heaven (Siebengestirn),
Animal Dreams (Die Pfauenschwestern), The Poisonwood Bible
(Willkommen in Kilanga), Prodigal Summer (Im Land der
Schmetterlinge)
Vorstellung der US-amerikanischen
Autorin Barbara Kingsolver und ihrer Romane. Kingsolver
ist Feministin, Umweltaktivistin, Mitglied der
Friedensbewegung, studierte Biologie und lebte einige
Jahre in Afrika. Ihre ersten beiden Romane The Bean
Trees und Pigs In Heaven erzählen die Geschichte
eines adoptierten Indianerkindes und über den
Konflikt zwischen seiner Adoptivmutter und seinem
Stamm, der um Rückkehr dieser Kinder kämpft.
Ein weiterer Roman Kingsolvers, The Poisonwood Bible
ist die Geschichte eines Baptistenpfarrers, der in den
1950er Jahren mit Frau und vier Töchtern als
Missionar in den Kongo geht. Überzeugt von seinem
missionarischen Auftrag nimmt er – im Gegensatz
zu seiner Familie - die afrikanische Realität
überhaupt nicht zur Kenntnis. Die Familie muß
um ihr Überleben kämpfen, aber die
Töchter lieben dieses Land …
Frank McCourt: Die Asche meiner
Mutter.
Ein irischer Roman über eine
Kindheit in Irland in den 1920er bis 1940er Jahren
– eine harte und extrem realistische Schilderung.
Insbesondere die Sprache des Romans ist großartig.
Auch wenn man den Film schon gesehen hat, es lohnt sich
unbedingt, das Buch zu lesen!
Film: Evil (Original: Schweden 2003;
deutscher Kinostart: 2004)
Die Verfilmung des autobiographischen
Romans Jan Guillous. Der Film ist das Portrait eines
rebellischen Jugendlichen, der einen Weg sucht, wie er
sich wehren kann gegen die körperlichen
Mißhandlungen durch seinen Stiefvater und die
psychische Gewalt seitens seiner Mitschüler im
Internat. Der Film veranschaulicht eindringlich die
Spirale von Angst, Demütigung, Gewalt und
Gegengewalt sowie die Schwierigkeit, in einem
gewalttätigen System nicht selbst gewalttätig
zu werden.
Junge Kirche 4/2004 und Neue Wege
10/2004:
Zusammenfassung der aktuellen Ausgaben
von Junge Kirche und Neue Wege. Die Junge Kirche
erscheint seit kurzem auch in neuer – sehr
ansprechender! – Aufmachung. Beide Zeitschriften
widmen sich in den vorgestellten Ausgaben der Kritik
des Neoliberalismus. Die Junge Kirche eröffnet mit
einer Bibelarbeit von Bas Wielenga zur Erzählung
vom verlorenen Sohn (Luk. 15, 11-32). Bas W. stellt
heraus, in der Erzählung gehe es um die
Entscheidung zwischen zwei verschiedenen
Wirtschaftsformen und um die Analyse, wie
Ökonomien funktionieren, in denen Menschen
entwurzelt und mit ihrer Arbeit entwürdigt werden.
Die Frage heute sei, was Kirche einer solchen
Ökonomie – d. h. heute dem Neoliberalismus
– entgegenhalten will und kann. Die
Auseinandersetzung der christlichen Kirchen mit der
Ideologie und Praxis des Neoliberalismus sowie die
Möglichkeiten einer Ökonomie des Sabbats/ des
Genug ist auch das Thema der anderen Artikel in den
beiden Zeitschriften. Vorgestellt wurden besonders die
Beiträge, die sich mit der Entstehung des
Bekenntnisses von Accra beschäftigen, das eine
eindeutige Zurückweisung des Neoliberalismus
ist.
Film: Olga Benario. Ein Leben für die
Revolution. D 2004, von Galip Iyitanir
Ein Film über die deutsche
Kommunistin Olga Benario. Das Fazit ist
zwiespältig: Einerseits ist ein Film über
Olga Benario und ihr beeindruckendes Leben zu
begrüßen; anderseits ist die Machart und
Tendenz des Films enttäuschend. Der Film besteht
aus mehreren Ebenen: 1. historischen
Originaldokumenten: Bilder, Filmeausschnitte und
Textdokumente aus dem Leben von Olga Benario und ihrer
Zeit, 2. aktuellen Dokumentaraufnahmen von den Orten,
an denen O. Benario lebte, 3. nachgestellten
Spielfilmszenen, 4. Interviews mit
„Benario-Forschern“ und 5. treten ab und zu
zwei brasilianische Bänkelsänger auf, die
eine Ballade über O. Benarios Lebens vortragen.
Der Film hat gerade auf der Ebene der Originaldokumente
große und berührende Momente. Aber was
ärgert, ist die Reduktion der Kommunistin O.
Benario auf ihre Rolle als Frau und Mutter. Ihr
politisches Anliegen, ihre Analysen der
Verhältnisse werden abgeschnitten. Es wird ihr
Mut, ihre Kraft, ihre Stärke gezeigt, aber nicht
gesagt: warum sie kämpfte. Die individualisierte
und persönliche Darstellung bringt einem zwar die
Person nahe, aber sie droht mitunter in Banalisierung
und Entpolitisierung abzugleiten. Fazit: vielleicht
besser nicht gucken und sich lieber die Bücher zu
ihr durchlesen.
Bücher zu Olga Benario:
- Fernando Morais: Das Leben einer
mutigen Frau
- Fernando Morais: „Ich habe für das
richtige Leben gekämpft …“
- Ruth Werner: Die Geschichte eines tapferen
Lebens.
- William Wack: Die vergessene Revolution. Olga Benario
und die deutsche Revolte in Rio.
Film: Vom Himmel hoch, der von dem Leben
französischen Kleinbauern erzählt.
F. C. Delius vor: Mein Jahr als
Mörder
Der Roman beschäftigt sich auf
mehreren Ebenen mit dem Nationalsozialismus und dem
Widerstand dagegen, den restaurativen Tendenzen in der
bundesdeutschen Nachkriegszeit, den 68ern sowie mit der
heutigen Perspektive darauf. Er verknüpft die
verschiedenen Stränge und Zeiten und zeigt so
ihren Zusammenhang. Fazit: Nur zu empfehlen! Eine
wichtige Gegenlektüre zur gegenwärtigen
Mediendiskussion über die RAF.
Schwerpunkt der Januar-Ausgabe von Le monde
diplomatique: Thema Energie
Die Autoren thematisieren verschiedene
Aspekte des Themas Energie: Quellen, Erzeugung,
Verbrauch, neue Technologien zur umweltfreundlicheren
Energieerzeugung und zum sparsamen Verbrauch, Zukunft
des Öls. Dazu gibt es eine Menge an Statistiken
und Graphiken. Die Kernaussage: Die Energiefrage
ist kein technologisches Problem, sondern ein
gesellschaftliches. Die Lösung liegt nicht
(allein) in verbesserten Technologien zum Gewinnen von
Energie und deren effizienteren Nutzung. Wir
müssen uns fragen, wofür wir warum wieviel
Energie verbrauchen (wollen). Das betrifft alle
Bereiche: Produktionsweise (z. B. die energieintensive
just in time production), Verkehr, private
Nutzungsgewohnheiten etc.
Artikel von Mathias Greffrath aus der Zeit
(„Jeder kämpft für sich
allein“) in: Die Zeit Nr. 2/ 2005, der drei
Bücher vorstellt, die sich kritisch mit der Hartz
IV-Reform und den gegenwärtigen Abbau des
Sozialstaates auseinandersetzen. Albrecht
Müller: Die Reformlüge. Vierzig
Denkfehler, Mythen und Legenden, mit denen Politik und
Wirtschaft Deutschland ruinieren; Droemer, 2004; 416 S.,
19,90 € Friedhelm Hengsbach: Das
Reformspektakel. Warum der menschliche
Faktor mehr Respekt verdient; Herder spektrum, 2004; 190
S., 9,90 € Gabriele Gillen: Hartz IV
– eine Abrechnung. Rowohlt, 2004;
254 S., 7,90 €
Die drei AutorInnen betonen, der
gegenwärtige Sozialabbau gefährde neben
seinen katastrophalen und entwürdigenden
Auswirkungen für jeweiligen Betroffenen auch
existentiell die demokratische politische Kultur in der
BRD. Denn ohne die Grundsicherheiten wie einem
„soziokulturellen Minimum, einem gesunden Leben,
einer angemessenen Wohnung, Arbeit und Bildung sind
Menschen nicht in der Lage, ihre Freiheitsrechte
auszuüben.“ Die Verteidigung des
Sozialstaates ist daher die Verteidigung der
Demokratie. Die Politik jedoch habe genau diese ihre
ureigenste Aufgabe aufgegeben: Hinter ihren Reformen
steht ein Menschenbild, das nicht mehr die/ den
mündige/n Bürger/in kennt, sondern nur noch
Markteilnehmer/innen. Statt der Emanzipation und freien
Entfaltung des Einzelnen geht es jetzt nur noch darum,
wie wird der und die Einzelne „fit“
für den Markt gemacht. Der Einzelne muss sich
anpassen: flexibel und mobil sein (verschwiegen wird
jedoch, das dem jedoch zugleich die gegenwärtige
Sozialpolitik entgegensteht, die wieder verstärkt
die Familie als Solidarsystem in die Pflicht nimmt).
Mit diesem Menschenbild liefert die Politik sich und
die Gesellschaft der Logik des Marktes und des Geldes,
der Tauschwertlogik aus. Hengsbach sieht diese
gegenwärtigen Reformen als Teil eines schon
länger währenden „Feldzuges“
einer „informellen Koalition“
wirtschaftlicher, publizistischer und politischer
Eliten gegen des Sozialstaat, kurz: es stehen sich
wieder oder immer noch Kapital und Arbeit
gegenüber. Die Lösungsvorschläge der
drei Autoren sind allerdings nicht sehr
überzeugend. Ihre Stärke ist die mit
großer Emotionalität und detaillierter
Sachkenntnis betriebene Analyse.
Sabine Kebir. Helene Weigel. Abstieg in den
Ruhm:
Helene-Weigel-Biographie von Sabine
Kebir. Die Biographie ist gut recherchiert, mit sehr
viel Material, es umfasst fast alle Aspekte. Die
‚eigentliche’ Biographie, d. h. die
Darstellung jedoch ist eher mittelmäßig und
bietet wenig Neues. Problematisch ist u.a. Kebirs
abwertender und verurteilender Blick auf die
politischen Verhältnisse in der DDR. Der verstellt
ihr den Blick für das Verständnis, dass es
erst die DDR und das Berliner Ensemble waren, die die
Bühne für Weigels großartige
Theaterarbeit boten. Abgesehen von solchen
Misslichkeiten lässt sich gleichwohl allerhand
entdecken in Kebirs Buch – vor allem zu Helene
Weigels Schauspielkunst: der Einfluss der asiatische
Spielweisen auf H. Weigel, H. Weigels Einfluss auf
Brechts Dramatik, zur Arbeit mit den
Verfremdungseffekten als Grundlage einer neuen
Dramaturgie usw.
Bill Bryson: The Lost Continent
US-amerikanischer Reisebericht über
eine Reise quer durch die Kleinstädte der USA, der
ein ironisches Bild des uniformen Alltags in den USA
zeichnet. Es liest sich sehr vergnüglich und ist
als Urlaubs- und Entspannungslektüre zu
empfehlen.
Interview mit Michael Cramer:
„Springer soll sich zu Kirchenfrevel
äußern. In: taz vom 25.1.2005,
S. 23. Christopher Görlich: Die 68er in Berlin.
Schauplätze und Ereignisse
Anlässlich der momentanen
Diskussionen zur Umbenennung der Kochstraße in
Rudi Dutschke Straße wurde über den
Kirchen-Frevel des Axel Springer Verlages berichtet.
Für den Bau des Axel Springer Hochhauses wurde
1961 die Jerusalem-Kirche gesprengt – die erste
Sprengung einer nur wenig kriegszerstörten Kirche
in Deutschland nach 1945! Die Architektur- und
Kunsthistoriker protestierten seinerzeit heftig gegen
den Abriss der Kirche: mit ihr werde eine der wenigen
noch erhaltenen Schinkelkirchen zerstört. Schinkel
hatte die Kirche 1838 umgebaut. Doch die Kirche musste
weg, Springer bekam seinen Parkplatz und stiftete
dafür den Glockenturm für die Neue
Jerusalem-Kirche (in der sich heute das Kraemer Haus
befindet); das lobte ein kleiner Kirchenführer
eines westberliner Verlages.
Thomas Urban: Russische Schriftsteller im
Berlin der zwanziger Jahre
Ein Buch über das russische Berlin
der 1920er Jahre. Das Buch besteht aus Portraits
russischer Schriftsteller, die in den 1920er Jahre im
Exil in Berlin lebten. Der Autor T. Urban beschreibt
deren Leben in Berlin: er stellt dar, warum sie nach
Berlin kamen, wie sie hier lebten, welchen
Zusammenhängen sie sich jeweils zuordneten. Die
einzelnen Bilder ergeben zusammen ein Mosaik eines
rauschhaften und fern aller
‚Normalität’ stehenden Lebens der
russischen Emigranten, die in Berlin einen autonomen
Kosmos bildeten: mit eigenen Läden, Verlagen,
Gesetzen, eigener Kulturszene usw. Doch es war ein
Leben im Zwischenstand. Mit der Währungsreform war
es vorbei. Die meisten zogen entweder weiter nach
Frankreich und in die USA oder kehrten zurück in
die Sowjetunion.
Bastian Wielenga: Biblical Perspectives on
Labour (1982)
Ein Buch mit Vorlesungen von Bas, Thema:
Glaube und Arbeit. Bas verknüpft hier eine
marxistische Analyse von Wirtschaft mit einer
biblischen Perspektive auf Arbeit. Das Buch besteht aus
zwei Teilen: 1. eine historisch Betrachtung von Arbeit
mit Beispielen aus dem kapitalistischen Indien und 2.
die Analyse, welche Rolle Arbeit in der Bibel hat.
Im 1. Teil bestimmt Bas als die zwei Grundmerkmale des
Kapitalismus a) die Spaltung der Gesellschaft in zwei
Klassen: die Besitzenden und die Ausgebeuteten, b) dass
die Produktion auf Profit ausgerichtet ist: Zweck der
Produktion ist Geldvermehrung – Marx beschreibt
das als Geld-Ware-Geld’-Kreislauf. Wodurch
zeichnet sich die Arbeit im Kapitalismus aus? Bas nennt
drei Merkmale: a) die fortgeschrittene Arbeitsteilung
und Taylorisierung, b) die Tatsache, dass die
Bedingungen der Arbeit nicht (mehr) von den Arbeitenden
selbst bestimmt werden, sondern von einer autonomen
Managerschicht und c) die Trennung von Kopf- und
Handarbeit. Unter den kapitalistischen
Produktionsbedingungen werde so der menschlichen Arbeit
ihr eigentliches Wesen genommen: Das Planen der Arbeit
wird getrennt von der Ausführung, der Arbeitende
wird zur Biene. Im 2. Teil setzt sich Bas in einem
längeren Kapitel mit der Rolle der Kirche und des
Glauben bei der Durchsetzung der neuen
Produktionsverhältnisse, der kapitalistischen
Ökonomie, auseinander. Dabei geht er u. a. den
Unterschieden zwischen Luther und Calvin nach. Danach
analysiert Bas die Auffassung von Arbeit und Wirtschaft
im jüdischen und christlichen Glauben. Er macht
klar, dass es hier zu einer radikalen Umwertung von
Arbeit kommt. Im antiken Griechenland galt Arbeit
für den freien Bürger als Schande; gearbeitet
haben die Sklaven und Frauen. Diese Form der
Arbeitsverteilung war für das Judentum
unannehmbar, da gerade die Befreiung aus der Sklaverei
zu ihrem Gründungsverständnis gehörte.
Aber wenn es keine Sklaven geben darf, dann kann es
auch keine Teilung der Gesellschaft geben in eine
Klasse, die immer arbeiten muss, und in eine, die sich
die Früchte dieser Arbeit aneignet. Es müssen
alle arbeiten. Aber es sollen auch alle ausruhen und
die Ergebnisse ihrer Arbeit genießen. Bei diesem
Punkt verweilt Bas in seiner Analyse länger und
macht den emanzipativen und revolutionären
Charakter des jüdisch-christliches
Verständnisses und Modells von Ökonomie und
Arbeit klar: der freie Tag, der Sabbat, bedeute auch
eine Begrenzung von Herrschaft von Menschen über
Menschen.
Film: Die syrische Braut
Heiraten auf den Golanhöhen ist
nicht ganz einfach – wenn die Familie der Braut
im besetzten Palästina lebt und der Bräutigam
in Syrien, aber die Braut keine gültigen Stempel
im Pass hat; der Bruder der Braut eine Jüdin aus
Russland heiratete, der Vater mit seiner russischen
Schwiegertochter nicht reden will … Eine
Familienkomödie, wie sich die ‚große
Politik’ im Alltag der ‚kleinen
Leute’ auswirkt. Man lacht und denkt dabei:
„wie bitter …“
Film: Silentium
Ein Krimi und eine bitterböse
Kritik der katholischen Kirche aus Österreich
Film: Darwin's Nightmare (Darwins
Alptraum)
Ein Dokumentarfilm über die
sozialen und ökologischen Folgen der
Globalisierung am Beispiel der Fischzucht im
Victoriasee in Afrika
Die Korrektur von Inge und Heiner
Müller auf der Studiobühne des Maxim Gorki
Theaters
Die Inszenierung ist Teil der Reihe
"Glaube II … und der Zukunft zugewandt … 40
Jahre DDR in Texten, Veranstaltungen und Kommentaren".
Für jedes Jahr der DDR wird ein herausragendes
Theaterstück, Buch oder anderes Ereignis
inszeniert. Die Korrektur entstand 1957 als
Hörspiel. Es beruht auf Tatsachenmaterial aus der
Chemiefabrik "Schwarze Pumpe". Die Müllers hatten
dafür vor Ort unter den Arbeitern recherchiert. Im
Zentrum steht der Konflikt um Tricksereien bei der
Normerfüllung, falsche Abrechnungen von
Arbeitsleistungen und ein fehlerhaftes Fundament.
Dahinter steht die Frage: Für wen und was arbeitet
man? Das Hörspiel wurde kurz vor seiner
Ausstrahlung verboten und es gab eine Reihe von
Diskussionen auch mit den Arbeitern in "Schwarze
Pumpe". 1958 wurde die überarbeitete Fassung als
Theaterstück am Maxim Gorki Theater
aufgeführt. In der Inszenierung in der "Glaube
II-Reihe" wird nicht das Stück selbst
aufgeführt, sondern eine Collage aus den beiden
Textfassungen und den Protokollen der Diskussionen mit
den Arbeitern. Dabei trat u. a. deutlich zu Tage, das
ist eine ganz andere Auffassung von Theater als heute
üblich. Es ist nicht einfach nur der Versuch, die
Arbeitswelt zum Thema des Stücks zu machen. Die
Arbeiterinnen und Arbeiter werden vielmehr als Subjekte
und Adressaten schon in den Entstehungsprozess des
Stückes einbezogen. Dahinter zeigt sich wiederum
ein völlig anderes Verständnis von Arbeit als
heute vorherrschend ist. Die Stärke der
Inszenierung am Gorki Theater besteht nicht zuletzt
darin, diese "Unzeitgemässheit" des Stückes
weder zu ironisieren und als lächerliche
Kuriosität vorzuführen noch sie zu
historisieren. Sie wird als ein alternatives
Verständnis von Arbeit und Wirtschaft vorgestellt,
die es zu diskutieren lohnt.